Steuerhölle oder Steuerparadies?
Ich schreibe an dieser Stelle ja ab und an über das wirre deutsche Steuersystem. Das ist mittlerweile so kompliziert, dass rund 60 Prozent (manche Quellen sprechen sogar von 2/3) der gesamten Weltsteuerliteratur in Deutschland erscheint beziehungsweise sich mit dem deutschen Steuersystem beschäftigt. Wenn Sie sich auf dem Globus anschauen, wie groß Deutschland im Vergleich zum Rest der Welt ist, wird deutlich, wie dramatisch diese Zahl ist.
Doch immer wieder diskutierte ich mit Leserinnen und Lesern (des Newsletter – Personal-News) die Frage: “Sind bei uns in Deutschland die Steuern denn nun besonders hoch – oder sind sie besonders niedrig?”
Wenn man das Ergebnis einer neueren Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) betrachtet, könnte man ja fast meinen, Deutschland sei ein Steuerparadies. Grund: Der Anteil der Steuereinnahmen im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt beträgt hierzulande 21,9 Prozent. Das liegt deutlich unter dem Durchschnitt dessen, was große Volkswirtschaften normalerweise an Steuern einziehen. Der Schnitt liegt nämlich bei 27 Prozent.
Zahlen Sie und ich, also wir alle, zu wenig Steuern?
Für eine sehr große Personengruppe gilt das sicher nicht: die Arbeitnehmer. Sie zahlen nämlich die Zeche fast ganz alleine. Für sie ist es – so schreibt es die Zeitschrift P.M. Frage und Antwort zu Recht – die “Steuerhölle” mit Forderungen, die mehr als 37 Prozent über dem internationalen Durchschnitt liegt.
Schuld daran sind neben der Lohnsteuer insbesondere die exorbitanten Abgaben. Das greift übrigens auch der OECD-Bericht auf. Dort steht zu lesen: “Durch hohe Sozialabgaben werden Erwerbseinkommen und damit der Faktor Arbeit besonders stark zur Finanzierung staatlicher Aufgaben herangezogen.”
Das Einkommen eines kinderlosen Durchschnittsverdieners (inklusive Arbeitgeberanteil an den Sozialabgaben) wird auf diese Weise um rund 52 Prozent dezimiert. Übertroffen wird diese Steuer- und Abgabenlast nur in unserem Nachbarland Belgien mit drei Prozent Vorsprung.
Ähnlich rabiat schlägt der Fiskus noch in Frankreich (50,1 Prozent), Österreich und Schweden (48 Prozent) zu. Spanien, Dänemark und Norwegen liegen im Mittelfeld, während Schweizer, Amerikaner und Japaner zumindest als Erwerbstätige mit knapp unter 30 Prozent vergleichsweise gering belastet werden. Die Koreaner kommen sogar mit 18,1 Prozent davon. Aber da möchte ich nun doch nicht leben.
Was ist am Steuersystem besonders ungerecht?
Ausgerechnet alleinerziehende Geringverdiener werden in Deutschland proportional am stärksten belastet. Das, was diese Personengruppe abdrücken muss, liegt bis zu 80 Prozent über dem Durchschnitt der 30 OECD-Staaten.
Bleibt die Frage: Warum kommen am Ende im internationalen Vergleich dann weniger Steuern bei uns zusammen? Wer profitiert vom System?
Die Antwort liefert die OECD ebenfalls: Wer schon viel Geld auf der hohen Kante hat oder Immobilien besitzt, steht in Deutschland gut da. Die Einnahmen aus den sogenannten Substanzsteuern (das sind Steuern auf Vermögen und Grundbesitz sowie Erbschafts- und Schenkungssteuer) betragen bei uns nämlich nur 1 Prozent. Zum Vergleich: Die USA und Frankreich verdienen an Gutbetuchten über drei, Kanada und Luxemburg sogar 4 Prozent.
Und mit diesen Zahlen im Nacken können Sie jetzt in Ruhe die derzeitige Diskussion über Erbschafts-, Vermögens-, Schenkungs- und Einkommenssteuer mit verfolgen. Meine Prognose: Gesenkt wird nichts, erhöht wird nach der Bundestagswahl drastisch bei der Substanzbesteuerung. “Aus sozialer Gerechtigkeit”, was immer das sein soll.
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