Steins Blog

13. Oktober 2008

Wir sind nun arm

BurnoutMeine ganz persönliche Wirtschaftskrise

Ich werde es tun. Ich habe es mir ganz fest vorgenommen. Irgendwann im Laufe des Tages werde ich es tun. Ich werde einen Blick auf mein (bescheidenes) Aktiendepot werfen. Vielleicht ist es ja dank Banken- und Finanzkrise noch bescheidener geworden und zwingt nun auch mich dazu, bescheiden zu werden. Doch war ich das nicht schon immer?

Es waren auf jeden Fall sehr unerfreuliche Gespräche, die am Wochenende zu führen waren. Nicht für mich – mehr so für die anderen. Ein Familienmitglied hatte mich und meine Holde am Sonntagabend mit den Worten begrüßt: „Wir sind jetzt arm.“ Da fährt einem natürlich der Schreck in die Glieder. Zumal ich bis zu diesem Moment gar nicht wusste, dass „wir“ jetzt arm sind. Doch der Schreck legte sich gleich, als ich erfuhr, dass mit „Wir“ nicht „wir“ gemeint waren, sondern der Teil der Verwandtschaft, der mir gegenüberstand.

Ich dachte natürlich, dass diese tragische Geschichte auch meine Holde berührt. Doch denkste. Sie hatte die Tragweiter dieser Aussage unseres Gegenübers erst gar nicht mitbekommen. Sie war noch mit der Überlegung beschäftigt, ob die Dame, die gerade an ihr vorbei gelaufen war, nun nur dick oder hässlich, oder dick und hässlich ist.

Ja, in den schlimmsten Augenblicken des Lebens haben Frauen immer noch einen Blick für das Wesentliche:

„Schatz, wir sind verarmt. Unser Haus wird gepfändet und die Kinder haben Läuse aus der Schule mitgebracht.“ „Hässlich!“ „Ja, das ist eine ganz schön hässliche Situation!“ „Was?“

„Na ja, die Tatsache, dass wir verarmt sind, unser Haus gepfändet wird und die Kinder die Läuse haben.“ „Ach ja, aber die ist trotzdem hässlich. Wie kann man nur so rumlaufen – die könnte doch was aus sich machen. Also ich würde mich nie so auf die Straße wagen. Und dann dieses Kleid. Unmöglich. Also wenn man so eine Figur hat, da kann man doch nicht so ein Kleid tragen. Da sieht man ja aus wie eine Wurst mit schlechter Pelle. Mit Knitterpelle. Hast Du schon mal eine Wurst mit Knitterpelle gesehen? Die isst doch kein Mensch. Die würde beim Metzger liegen bleiben, bis sie schimmelig ist. Und dann diese Brille:

Hast du d i e s e Brille gesehen? Also eher würde ich blind durch die Gegend laufen, als soo eine Brille anzuziehen. Mit der Friseur überhaupt. Das ist ja das Allerschärfste … Aber gut, ist egal. Lass uns nach Hause gehen – und sag den Kindern, die sollen endlich aufhören sich zu kratzen.“

„Nach Hause, welches zu Hause …?“

Wie auch immer. Meine Verwandtschaft verkündete also, arm zu sein. „Die Aktienfonds sind so was von herunter gekracht. Und die werden sich auch nicht mehr erholen.“ Pause. „Dabei sind Aktienfonds doch eine sichere Anlage.“ Pause. „Eigentlich.“

An dem „eigentlich“ bemerken Sie, dass es sich bei meinem Gegenüber um einen Rheinländer handeln muss. Das „eigentlich“, oder wie man im Rheinland sagt: „eijentlisch“ (geschrieben wird es korrekt ohne „s“ vor dem „c“, gesprochen wird es aber „sch“, deshalb biege ich aus Gründen des Verständnisses einmal die rheinische Rechtschreibung und bitte aus Gründen des Verständnisses um Verständnis).

Das im Rheinland gerne nachgeschobene „eigentlich“ wird im Rheinland nämlich zur „konterkarrierenden Distribution“ benutzt.

„Deine Tochter ist ja schön, eigentlich …“
„Du bist ja ein netter Kerl, eigentlich …“
„Mein Banker ist ja ganz gut, eigentlich …“

Der Gebrauch des nachgeschobenen „eigentlich“ im Rheinischen hat dabei eine wichtige Funktion. Man könnte ja auch sagen: „Eigentlich ist deine Tochter schön.“ Mit dem „eigentlich“ also eigentlich korrekterweise vorne. Das wäre aber viel zu direkt und widerspricht der rheinischen Höflichkeit. Außerdem bestände die Gefahr, dass man mit seinem Gegenüber in der Variante „eigentlich vorne“ eine längere Diskussion führen muss – oder gleich verprügelt wird.

Anders beim nachgeschobenen „eigentlich“. Das hat etwas Finales. Zumal es meist erst nach einer kurzen Pause und viel leiser nachgeschoben wird. Dabei ist dieses „eigentlich“ ungeheuer wichtig:

Es dient dem Rheinländer zur Bestätigung: „Ich war zu höflich … aber mit dem nachgeschobenen „eigentlich“ habe ich sichergestellt, dass ich mir morgen noch in die Augen schauen kann – denn jeloge han ich nitt“. (Aber gelogen habe ich nicht.)

Nichtsdestotrotz, nachdem „wir“ also arm sind, ruft zu allem Überfluss abends mein Vater an und will besorgt wissen, ob mich die Finanzkrise bereits in den Abgrund gerissen hat. Bei solchen Anrufen weiß man ja nicht, ob die eigene Verwandtschaft vorhat, einen anzupumpen und nun besorgt ist, dass daraus nichts wird – oder ob es wirkliche Sorge ist, die sie umtreibt. Wie auch immer: „Ich weiß es nicht. Ich habe mir meine Aktien noch nicht angeguckt. Ich hatte keine Zeit.“

Vielleicht mag das ein Riesenfehler sein. Aber am Freitag hat ein Freund von mir in Panik alle seine Aktien verkauft. Alle. „Ich steige aus, ich mache Schluss. Ich halte das nervlich nicht mehr aus. Ich kann doch nicht zuschauen, wie mein schönes Geld vernichtet wird …“

Ich meine, was heißt denn zuschauen? Ich schaue ja nicht zu. Augen zu und durch. Solange ich mein (bescheidenes) Aktiendepot nicht anschaue, kann ich auch nicht zuschauen. Solange bin ich ein Wegschauer. Und da gibt es dann auch keine Panikverkäufe. Nix, null. Und damit meine ich nicht nur mein Aktiendepot.

Was müssen diese unverschämten Banker auch irgendwelche Immobilienkredite aus den USA kaufen, um damit mein Geld zu vernichten? So was macht man doch nicht. Das ist doch unanständig.

Gut, ich habe mir mal ein neues Auto gekauft, um meinen alten Nachbarn zu ärgern. Aber das ist eine ganz andere Geschichte … Doch anderer Leute Geld vernichten … Wieso darf so ein Banker Geschäfte machen, von denen er nichts versteht und vernichtet MEIN Geld? Und wieso darf ich nicht SEIN Geld vernichten, wenn ich Geschäfte mache, von denen ich nichts verstehe? Ich werde Oskar Lafontaine bei Gelegenheit eine flammende E-Mail zu dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit schreiben. Das Thema muss noch ausgiebig politisiert werden.

Nichtsdestotrotz … jetzt ist es an der Zeit. JETZT! Ja, genau JETZT werde ich es tun. Ich werde JETZT die Internetseite meiner Bank aufrufen. Ich gebe JETZT meine Konto-Nummer ein. Ich tippe jetzt … Passwort? Was für ein Passwort? Ich schwöre, ich hatte noch NIE ein Passwort. Wieso fragen die mich jetzt nach meinen Passwort. Reichen denn PINS, Tans und all das Gedöns nicht mehr. Passwort. Hallo! Ich kenne kein Passwort …

Also gut, dann eben nicht. Und so beschließe ich, mich einfach weiterhin reich zu fühlen. Mit diesem Gedanken lässt es sich herrlich schlafen. Eigentlich.

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