Steins Blog

24. Oktober 2008

So kann man auch um seine Kündigung betteln

Beleidigte Leberwürste

Es ist ja faszinierend. Da tobt bei einer Fernsehpreisverleihung ein nicht mehr ganz so knuspriger Literaturkritiker, dass alles, was er während der Show erlebt habe, unerträglich sei und dass er im Übrigen den Preis nicht annehme, weil er nicht zu diesem Kreis von Menschen gehöre…

Und was macht man mit ihm?

Man räumt ihm eine Stunde Sendezeit ein und lässt ihn in der BILD-Zeitung Tipps zum Fernsehprogramm geben. Damit Sie und ich nicht mehr diese scheußlichen Sendungen gucken, sondern die wertwollen. Also die, die meist zwischen 23.30 Uhr und 1.00 Uhr nachts in ARD und ZDF laufen – oder versteckt in EinsFestival und Co. (Was ich im übrigen ausprobiert habe und mich teilweise fühlte wie seinerzeit in der Bonner Oper, als die Regisseure unter dem damals amtierenden Intendanten anfingen, die Stücke „neu zu interpretieren“. Was dazu führte, dass Romeo und Julia mit dem Rasenmäher über die Bühne sausten und dem Thema Fäkalien breiter Raum eingeräumt wurde. Die entsprechenden Textpassagen habe ich in der literarischen Vorlage bis heute gefunden …)

Doch zurück zum Thema:

Dieser Mann hat mit seiner Attacke aufs Fernsehen genau das bekommen, was er haben wollte. Aufmerksamkeit – und einen Platz im Fernsehen.

Irgendwie müssen die entscheidenden Feinheiten dieser Aktion der – ansonsten von mir sehr geschätzten – Elke Heidenreich – entgangen sein. Sie ließ, im Schwung der Reich-Ranickischen Medienschelte verbreiten, dass er Recht habe und sie sich schäme fürs ZDF zu arbeiten. Im Übrigen sei Herr Gottschalk (der die Laudatio auf Marcel Reich-Ranicki gehalten hatte) ein „müder alter Mann“.

Da hat aber Frau Heidenreich was nicht verstanden:

Reich-Ranicki hat kritisiert, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Und das, in dem er pauschal mal so eben alle abgewatscht hat. So was macht relativ unangreifbar (es will ja niemand konkret gemeint gewesen sein). Frau Heidenreich hat dummerweise ihren Arbeitgeber persönlich abgewatscht – und dann auch noch dessen besten Angestellten … Und nun wundert sie sich, dass man ihre Sendung („Lesen“) kurzerhand absetzt.

Was würden Sie denn machen, wenn ein Mitarbeiter Sie als Chef quer durch die Firma anbrüllt: „Chef, ich schäme mich für Sie zu arbeiten und unser Prokurist ist ein Idiot“. Würden Sie ihn

a) befördern,
b) nur zur Ausnüchterung nach Hause schicken oder
c) für immer nach Hause schicken …

Ich tippe, Sie sagen c. Und genau das hat das ZDF gemacht. Es hat Elke Heidenreich nach Hause geschickt. Dazu schreibt der Kulturredakteur der „Welt“ heute: „Elke Heidenreich hat mit ihrer Kritik am ZDF und Thomas Gottschalk zwar geradezu um ihren Rauswurf gebettelt. Doch ihre Sendung “Lesen!” tatsächlich aus dem Programm zu nehmen, ist ein Schlag für das literaturinteressierte Publikum. Denn für ihre Arbeit und ihr Engagement für Bildung gebührt ihr Anerkennung.“
Stimmt. Gebührt ihr. Hat sie auch bekommen. Nur hält der Arbeitgeber ihr entgegen:
„Mit ihren Äußerungen in der ‚Frankfurter Allgemeinen Zeitung’ und in der ‚Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung’ hat Frau Heidenreich die Ebene einer sachlichen Auseinandersetzung verlassen und das ZDF sowie einzelne seiner Mitarbeiter persönlich in nicht mehr hinzunehmender Weise öffentlich herabgesetzt.“
Im Klartext: Das Vertrauensverhältnis ist so zerstört, dass eine gedeihliche und sinnvolle Zusammenarbeit nicht mehr möglich ist. Also kam die Kündigung.

Doch Achtung:
Der Herr Intendant hat die Kündigung per E-Mail geschickt. Er hat Glück, dass Frau Heidenreich eine „Freie“ ist – und keine „Angestellte“!!! Denn wäre sie angestellt, wäre die Kündigung nämlich schlichtweg ungültig (E-Mail entspricht nicht der gesetzlich vorgeschriebenen Schriftform für Kündigungen!). Das hätte mit Sicherheit einen für den Arbeitgeber sehr unglücklich verlaufender Kündigungsschutzprozess inklusive teurer Abfindung mit sich gebracht!
Ich wünsche Ihnen für dieses Wochenende, dass Sie die Klappe dann aufmachen, wenn es nötig ist und dass es Ihnen gelingt, sie zu halten, wenn es sinnvoll ist! Ganz in diesem Sinne…

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