Die letzten Zweifel sind ausgeräumt
Gestern Abend war ich mit Freunden unterwegs. Es ist etwas später geworden. Trotzdem habe ich mir den Wecker auf kurz vor 7 gestellt, damit ich pünktlich zu den Nachrichten wach bin. „Wer ist der neue US-Präsident?“
Die Meldung kommt natürlich als allererstes: Barack Obama.
„Super“, denke ich. „Jetzt wird sich was ändern.“ Doch statt wieder einzuschlafen, schaue ich mir im Internet die Meldungen zum Wahlsieg an. Halb Amerika im Freudentaumel (die andere Hälfte ist sich noch unsicher). Was viele deutsche Wahlinteressierte nämlich nicht wissen: In absoluten Wählerstimmen lautet das Wahlergebnis in etwa 49 % der Wähler haben für McCain gestimmt, 50 % für Obama. Kampfentscheidend waren die berühmten „Schlüsselstaaten“, die die meisten Wahlmänner stellen.
(Dieses Wahlmänner-Prinzip stammt noch aus der computerfreien Zeit, als man in diesem riesigen Land bei Wahlen das Wahlergebnis im jeweiligen Bundesstaat ja mitteilen und bewerten musste. Also wurde entsprechend der Größe eines Bundesstaates eine bestimmte Anzahl Wahlmänner bestimmt. Stand dann das Wahlergebnis fest, setzten die sich aufs Pferd und machten sich auf den Weg in die Hauptstadt, um das Ergebnis der Abstimmung in Washington dann quasi per Handmeldung umzusetzen).
Wenig später sehe ich die Ausschnitte aus Obamas Dankesrede. Und in diesem Augenblick denke ich: Wenn es je einen Zweifel gegeben hat, dass er der richtige Mann von den beiden Kandidaten ist, dann sind die jetzt endgültig ausgeräumt.
Ich weiß nicht, ob Sie die Rede gelesen oder gehört haben. Ganz wunderbar (und rhetorisch brillant!) ist die Passage, in der er am Beispiel der 106-jährigen Wählerin Nixon Cooper Amerikas Geschichte der letzten 100 Jahre Revue passieren lässt – und damit aufzeigt: Veränderung ist möglich. „Yes, we can“.
Falls Sie diese wunderbare Passage nicht kennen. Hier ist sie:
„Diese Wahlen haben viele Neuerungen hervorgebracht und viele Geschichten, die man sich noch in den nächsten Generationen erzählen wird. Eine, an die ich mich heute Abend erinnere, ist die von einer Frau, die ihre Stimme heute in Atlanta abgegeben hat. Sie unterscheidet sich kaum von den Millionen Menschen, die heute in der Schlange standen, um bei dieser Wahl Gehör zu finden. Außer einer Sache: Ann Nixon Cooper ist 106 Jahre alt.
Sie ist gerade mal eine Generation nach dem Ende der Sklaverei geboren worden, zu einer Zeit, in der keine Autos auf den Straßen und keine Flugzeuge am Himmel waren. Als jemand wie sie aus zwei Gründen nicht wählen durfte: Weil sie eine Frau war und wegen ihrer Hautfarbe.
Heute Nacht denke ich an all das, was sie in ihrem Jahrhundert in Amerika erlebt hat – all den Herzschmerz und all die Hoffnungen, die Kämpfe und den Fortschritt. An die Zeiten, in denen uns gesagt wurde, dass wir es nicht schaffen und an die Menschen, die an den amerikanischen Traum geglaubt haben: Ja, wir schaffen es.
- Als Frauenstimmen zum Schweigen gebracht wurden und ihre Hoffnungen nicht zählten, hat sie weitergelebt, um Frauen irgendwann aufstehen und reden und schließlich wählen zu sehen. Ja, wir schaffen es.
- Als Hoffnungslosigkeit und Depression sich im Land breit gemacht hat, hat sie eine Nation erlebt, die ihre eigene Angst überwunden und den New Deal, neue Jobs und eine neue gemeinsame Bestimmung geschaffen hat. Ja, wir schaffen es.
- Als Bomben auf unsere Stützpunkte gefallen sind und die Welt unter Tyrannei litt, war sie Zeugin einer Generation, die zu neuer Größe aufstieg und die Demokratie rettete. Ja, wir schaffen es.
- Sie war da – in den Bussen von Montgomery, an den Tankschläuchen in Birmingham, an der Brücke in Selma, als ein Priester aus Atlanta den Menschen “We shall overcome” predigte. Ja, wir schaffen es.
- Ein Mann hat den Mond betreten, die Mauer in Berlin stürzte ein und die Welt wurde durch unsere eigene Wissenschaft und Vorstellungskraft vernetzt. Und in diesem Jahr, bei diesen Wahlen, hat sie mit ihrem Finger den Bildschirm berührt und ihre Stimme abgegeben. Denn nach 106 Jahren in Amerika, nach guten und schlechten Zeiten, weiß sie genau, wie sehr sich Amerika verändern kann. Ja, wir schaffen es.
- Amerika, wir sind so weit gekommen. Wir haben so viel gesehen. Aber es bleibt immer noch so viel zu tun. Lasst uns deshalb heute Nacht fragen: Wenn unsere Kinder bis ins nächste Jahrhundert leben, wenn meine Töchter so alt werden könnten wie Ann Nixon Cooper – welchen Wandel werden sie dann sehen? Welchen Fortschritt werden wir dann gemacht haben?
Das ist unsere Chance, diesem Ruf gerecht zu werden. Das ist unser Augenblick… Ja, wir schaffen es!“
Wunderbar. Und ich bin wirklich gespannt, ob und wie es Barack Obama schafft, dass Land und damit die Welt aus dem Sumpf der Bush-Ära zu befreien. Verdient hätten und haben wir das alle.
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