Wir könnten auch ohne Russland
Deutschland ist im Griff des eisigen Väterchen Frostes. Überall stehen die Ventile der Heizkörper und Fußbodenheizungen auf „volle Pulle“. „Was für eine günstige Gelegenheit“, so denkt sich Väterchen Putin im fernen Russland, „um den lieben europäischen Freunden einmal zu zeigen, wo der Hammer hängt“. Will heißen: „Den zeige ich mal, wo das Gas herkommt.“
Und um zu zeigen, wo es herkommt, zeigt er, wo es nicht mehr herkommt. Aus den Gas-Pipelines, die von Russland schnurstracks über die Ukraine in den Westen führen.
Und weil – das ist nun mal ein physikalisches Gesetz – auf der einen Seite der Pipeline kein Gas mehr hereinkommt, kommt an der anderen Seite auch keines mehr heraus.
Das wiederum beunruhigt Brüssel. Die EU-Politiker berufen dann auch eilig eine Sondersitzung ein. Im Rahmen dieser Sondersitzung wird eine Spezialkommission – Codename Gasnost – einberufen, die klären soll, wie ein Lieferengpass in der Gasversorgung verhindert werden kann.
Diese Kommission – unter der paritätischen Leitung der belgischen, litauischen und slowakischen Sonderbeauftragten „Gasnost“ – erarbeitet umgehend einen ausführlichen Plan.
„Wir werden die Gasversorgung in Europa zumindest für die kommenden Jahre dauerhaft sichern können, wenn wir die Eigenversorgung stärken.“ So der kühn in das Europaparlament eingebrachte Plan. Fragende Gesichter im Plenum.
„Eigenversorgung bedeutet: Die Bürgerinnen und Bürger der EU werden in die Lage versetzt, zukünftig den eigenen Haushalt mit so viel Gas zu versorgen, dass Lieferengpässe zukünftig zwar nicht verhindert, aber eingeschränkt werden können. Wir haben es ausgerechnet:
Wenn wir den durchschnittlichen 3-Personen-Haushalt dazu verpflichten, statt der bislang durchschnittlichen 5,8 Kilo Hülsenfrüchte – beispielsweise Bohnen – zukünftig jährlich 152,3 Kilo zu verzehren, führt dies zu einem Anstieg der hauseigenen Gasproduktion von 72 Prozent. Vorausgesetzt, der Kohlverzehr kann durch geeignete Maßnahmen im selben Zeitraum um etwa das 14-Fache gesteigert werden. Wird gleichzeitig der Anteil an geschroteten Hülsenfrüchten in Tierfutter vervierfacht, lässt sich die haushaltsnahe Produktion noch einmal um weitere 6 bis 7 Prozent steigern.
Vorausgesetzt, uns gelingt es, die Haushalte an das europäische Gaspipeline-Netz anzuschließen, können so die europäischen Gasreserven von derzeit 3 Monaten auf 3,5 bis 3,9 Monate gesteigert werden.
Um diesen Plan umzusetzen, müssen lediglich 53 Prozent der europäischen Anbauflächen von Weizen-, Mais und Futtergerste-Produktion auf schonenden Hülsenfrüchteanbau umgestellt werden, noch einmal 23 Prozent auf den geförderten Kohlanabau. Das lässt sich mit entsprechenden Ackerbewirtschaftungsprämien in Höhe von lächerlichen 3,5 Billionen Euro einfach bewerkstelligen. Dazu kommen etwa 23 Milliarden Euro für ein europäisches Ernährungs-Umerziehungsprogramm, da bislang nicht jeder Bürger bereit ist, täglich rund ein Pfund Kohl und Hülsenfrüchte zu essen.
Weitere 5,8 Billionen Euro sind für den Anschluss der Haushalte an das Gaspipeline-Netz erforderlich. Zudem rechnen wir mit ca. 1 bis 2 Milliarden Euro jährlich an Wiederaufbaukosten, da nicht auszuschließen ist, dass einzelne Haushalte durch den Anschluss an das Gaspipeline-Netz in Mitleidenschaft gezogen werden. In dem Zusammenhang empfehlen wir, über ein striktes europäisches Toilettenrauchverbotgesetz nachzudenken.
Bürger, die Hülsenfrüchte und Kohlerzeugnisse trotz Energienotlage nicht in ausreichender Menge verkonsumieren – die entsprechende Kontrolle muss selbstverständlich durch den Einsatz einer europäischen, grenzüberschreitend tätigen Spezialpolizeieinheit sichergestellt werden, deren Aufstellungskosten wir mit etwa 4,8 Milliarden Euro beziffern –, werden mit einer Sondersteuer belegt. Lediglich wer gegen ärztliches Attest eine Kohl- und/oder Hülsenfrüchteunverträglichkeit nachweisen kann, kann von dieser Steuer befreit werden.
Wichtig in dem Zusammenhang ist, die europäische Lärmschutzverordnung anzupassen. Die zusätzlich angestrebte Eigengasversorgung trägt nach unseren Berechnungen zu einem Anstieg der unmittelbaren Lärmbelastung in den Haushalten und an den Arbeitsplätzen um etwa 38 Prozent bei, was – auf Gesamteuropa umgerechnet – etwa dem Lärmpegel von 123.000 startenden oder landenden Kampfjets des Typs Eurofighter entspricht.
Unser Fazit: Für die lächerliche Summe von nicht einmal 10 Billionen Euro können wir Russland so beweisen, das wir keinesfalls von seinen Gaslieferungen abhängig sind. Im Übrigen empfehlen wir, Vertreter von Kommunal-, Landes- und Staatsregierungen sowie die politischen EU-Vertreter von der Eigengasproduktionsverordnung herauszunehmen. Schließlich kann sich in Zeiten wie diesen kein Land – und wir in Brüssel schon gar nicht – einen aufgeblähten Staatsapparat leisten.“
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