Zuhören.
„Nie hörst du mir zu“, beschwert sich meine Holde, kaum dass sie aufgewacht ist. Verwundert schaue ich sie an. „Ich habe geschlafen.“ Sie schüttelt den Kopf. „Ich meine doch nicht jetzt“, sagt sie und wirft die Bettdecke mit Schwung weg. „Du hörst mir immer nicht zu. Egal ob du schläfst oder nicht.“
„Aha“, sage ich und wickle mich noch einmal in die Decke. Grimmig schaut sie mich an.
„Was sagst du denn jetzt dazu?“
„Wozu?“, brummele ich unter der Bettdecke hervor.
„Na dazu, dass du nie zuhörst“, sagt sie und rüttelt an mir. „Jetzt steh endlich auf. Das ist ein ernstes Thema.“
Irgendwie verspüre ich so gar keine Lust aufzustehen. Schon gar nicht verspüre ich Lust, früh am Morgen eine Grundsatzdiskussion führen zu müssen. Außerdem:
Natürlich höre ich zu. Ich höre meiner Holden genauso gut zu, wie alle Männer auf dieser Welt ihren Frauen zuhören!
„Lass mich noch schlafen“, knurre ich und klammere mich etwas fester an die Bettdecke.
„Ich denke überhaupt nicht daran, dich jetzt noch schlafen zu lassen. Wir haben zu reden. Und außerdem: Nur der frühe Vogel fängt den Wurm.“
„Ich mag keine Würmer.“
„Sei nicht albern. Sag mir lieber, was du zu deiner Verteidigung zu sagen hast.“
„Verteidigung? Warum soll ich mich verteidigen?“
Meine Holde seufzt laut.
„Weil es dir vielleicht wichtig ist, so einen Vorwurf nicht im Raum stehen zu lassen.“
„Ist mir aber nicht wichtig“, sage ich unvorsichtiger-, aber richtigerweise. Ich weiß ja schließlich, dass ich zuhören kann. Wenn ich muss.
Das Problem in der Mann-Frau-Kommunikation ist aber, dass sich von Männerseite aus nur schwer abschätzen lässt, ob man gerade zuhören muss oder nicht. Und stellt man dann fest, dass man(n) eigentlich hätte zuhören müssen, es aber nicht getan hat, ist es sowieso zu spät.
Frauen ticken da völlig anders. Die können scheinbar die ganze Zeit nicht zuhören, um dann im entscheidenden Moment genau die Sachen mitzubekommen, die sie mitbekommen wollen, aber nicht sollen. Ein Beispiel:
Kürzlich sprach ich mit meinem besten Freund über das Thema Frauen. Meine Holde befand sich ein Stockwerk über uns und schaute Fernsehen. Wir sprachen leise. Mein Freund sagte im Flüsterton: „Ein Mann kann auf Dauer gar nicht treu sein.“
Was wetten wir? Hat meine Holde das
a) mitbekommen oder
b) mitbekommen?
Unglaublich.
Dagegen könnte sie vermutlich mit einer ihrer Freundinnen neben mir sitzen und erzählen: „Ich habe das Konto abgeräumt und werde heute Abend ausziehen.“ Vermutlich würde ich erwidern: „Ich gucke aber noch was fern“, weil ich nur die Worte „abräumen“ und „ausziehen“ mitbekommen habe. Wir Männer versuchen halt immer, uns auf die Kernbotschaften zu beschränken.
Also Hand aufs Herz:
Wozu sich verteidigen? Wenn wir Männer nicht zuhören – und das habe ich gerade glasklar bewiesen –, ist das ganz allein die Schuld der Frauen. Die müssen halt sagen: „Mann, jetzt kommt was Wichtiges, hör zu.“
Wenn Frau das tut, hört Mann zu. Meistens wenigstens. Zumindest aber die ersten ein, 2 Minuten. Länger geht auch gar nicht. Das liegt in der Natur der Sache.
Damals, in der Steinzeit, mussten wir Männer unseren Clan bewachen. Volle Aufmerksamkeit also dem Wald oder dem Hölleneingang, ob nicht ein Bär vorbeikommt, um Beute zu machen, oder ob ein Hirsch in der Nähe ist, den man selber zur Beute machen kann. Und natürlich galt es auch, Ausschau zu halten, ob nicht ein Steinzeitmann vom Stamm nebenan vorbeikommt, um sich mit einem gezielten Schlag mit der Keule eine Frau zu rauben.
Das ist heute ja gar nicht so anders. Und insofern ist das männliche Hirn immer noch auf Wachsamkeit programmiert. Wir Männer müssen ständig die Gegend beobachten, um auf Beute oder Feinde zu lauern … Das können Sie an jedem Badestrand beobachten.
Was ich damit sagen will, ist: Wird die männliche Wachsamkeit durch allzu lange Gesprächsfetzen abgelenkt, beschleicht Mann sofort das ungute Gefühle, er könnte etwas verpassen. Also switcht der Aufmerksamkeitsfokus weg vom Gesprächsinhalt hin zum Beobachten, Beschützen und Jagen. So ist das.
Aber ich möchte jetzt die Leserinnen dieser Zeilen nicht im Regen stehen lassen. Denn es gibt ein einfaches Gegenmittel: Frau muss sich nur kurz genug fassen. Dann bekommt Mann auch alles mit. Letztendlich gilt es für Frau nur, die 3 wichtigsten Grundregeln im Gespräch zwischen Frauen und Männern zu beachten:
Regel Nummer 1:
- Bitte kündigen Sie dem Mann an, dass er jetzt zuhören muss. Tun Sie das aber nicht inflationär, sonst nutzt sich der Effekt schnell ab.
Regel Nummer 2:
- Bitte fassen Sie sich kurz. Die Aufmerksamkeitsspanne Ihres Jägers, Beschützers und Aufpassers ist naturgemäß gering.
Und Regel Nummer 3?
Die hat etwas mit einer weiteren Hürde im Frau-Mann-Gespräch zu tun, die von Frau immer wieder übersehen wird:
Es ist der Einfluss der Gesprächsumgebung und Gesprächszeit!
So bringt es zum Beispiel gar nichts, einem fußballbegeisterten Mann, der gerade mit seiner Mannschaft dem Sieg oder der Niederlage entgegenfiebert, auf der Tribüne im Stadion mitzuteilen: „Schatz, ich bin schwanger.“
Außer einem: „Bring mir auf dem Rückweg noch ein Bier mit!“, wird Frau keine Reaktion ernten. Grund:
Der Mann bekommt leider von dieser wichtigen Botschaft an diesem falschen Ort nur das Wort „Schatz“ mit. „Schatz“ bedeutet – es ist alles in Ordnung, kein Stress im Anmarsch. Also switch die Aufmerksamkeit augenblicklich wieder zum Fußballspiel.
Das Wort „Schatz“ wird dabei automatisch in einen logischen Kontext eingebunden. Der lautet hier: Schatz + Frau + wir sind auf dem Fußballplatz = Schatz, ich muss mal! Und wenn dem so ist, kann sie ja bitte schön praktischerweise den Rückweg zum Bierkauf nutzen.
Merke: Die Verbindung „Schatz“ und „schwanger“ auf einem Fußballplatz ist in den männlichen Synapsen nicht miteinander verknüpft. (Außer vielleicht beim kinderreichen Franz Beckenbauer. Aber das ist eine ganz andere Geschichte …)
Deshalb:
Wie viel netter wäre es, wenn sie ihm (vorausgesetzt, das Kind ist ein Wunschkind) einen Babyschuh an die Tür hängt, den er gleich beim Nachhausekommen entdeckt?
Gut, das funktioniert nicht immer. Es soll auch schon Männer gegeben haben, die die Tür aufreißen und rufen: „Schau mal, jetzt hängen uns die Nachbarn schon ihren Müll an die Tür“ – aber auch das ist eine ganz andere Baustelle.
Die dritte Regel lautet also:
- Gesprächsort und Gesprächsrahmen beachten.
Und damit bin ich wieder am Anfang der Geschichte. Sie erinnern sich. Ich liege noch im Bett. Ich möchte noch schlafen. Meine Holde möchte diskutieren. Aber sie hat schon so früh am Morgen 3 entscheidende Fehler gemacht:
- Sie hat nicht gesagt, dass ich zuhören muss. Woher soll ich als Mann dann wissen, dass ich es tun soll – und mich entsprechend nicht mehr unter die Decke verkrümmeln darf? Sprich: Hier liegt ein grober Verstoß gegen Regel Nummer 1 vor.
- Nach den – zugegeben kurzen – 2 Einleitungssätzen folgen weitere. Mehr als 4 Sätze spricht sie insgesamt – und begeht damit einen weiteren groben Verstoß. Diesmal gegen Regel Nummer 2. Ganz zu schweigen vom nächsten Fehler.
- Stimmen in dieser Geschichte etwas Gesprächsort und Gesprächszeit? Ist das Bett wirklich der richtige Ort für Diskussionen? Ist der frühe Morgen die richtige Gesprächszeit? Die Frage beantwortet sich von selbst. Und der Verstoß gegen Regel 3 ist eindeutig.
Halten wir also fest:
Meine Holde hat direkt nach dem Aufwachen gleich 3 grobe Regelverstöße begangen, und ich sollte das jetzt wirklich, HIER UND JETZT, mit ihr ausdiskutieren und sie fragen, was sie denn ZU IHRER Verteidigung zu sagen hat! Die Sache hat zum Glück für sie mehrere Haken:
Erstens ist es dafür viel zu früh.
Zweitens bin ich zu müde.
Und drittens muss ich ihr dann zuhören. Und wissen Sie, wie anstrengend das ist?


Es hilft auch herzhaftes Lachen. Wenn man aus vollem Herzen lacht, werden alle Männer aufmerksam und zuhören. Meine Schwägerinnen und ich haben es mit meinem Mann und seinen Brüdern getestet.
Hallo Herr Stein,
es ist immer wieder schön, wie sie “spielerisch” Formulierungen finden, die tägliche Situationen schildern, über die man lachen kann ( über die Formulierungen, nicht die Situationen ). MfG Jürgen M.
Hallo Herr Stein,
mitten aus dem Leben gegriffen, so ist es, Anfang = Ende, eigentlich. außer Stress nichts dabei herausgekommen …..
Deshalb habe ich das schon vor einigen Jahren auf das wesentliche eingeschränkt und in der Regel erzähle ich die Ergebnisse, was aber dann u.U., selbst bei Beachtung aller Regeln, auch nicht in vollem Umfang verstanden wird.
Also, eigentlich müßte die Sache weiterentwickelt werden!!!!
Gruß
Sophie Worm
Hallo Herr Stein,
zunächst einmal Danke für diesen Ausflug in Ihr Privatleben, ich denke Karl Valentin und Lisel Karstädt würden sich freuen. Ich habe jedenfals herzlich gelacht.
Und nun zum Problem Zuhören, bei uns funktioniert es gerade Seitenverkehrt – ich soll zuhören und mein Mann tutert wie ein Wasserfall auf mich ein. Hi hi Durchzug angesagt!?
Zu Ihrer Bemerkung – Also switcht der Aufmerksamkeitsfokus weg vom Gesprächsinhalt hin zum Beobachten, Beschützen und Jagen. – müßte man also im Umkehrschluß die Diskusion per MP3 aufnehmen und in die Bäume hängen, laut aufheulen um Aufmerksamkeit zu erwecken und ein Leckerlie zB. Bier auf den Schrank stellen, so nach dem Motto wenn Du den MP3 Player deine Aufmerksamkeit schenkst bekommst du das Bier – Oder?
Wenn Sie einem Mann ein Leckerlie hinhängen, geht es aber auch ohne mp3-player. Aber die Richtung stimmt. Sage ich. Meine Holde sieht das natüurgemäß anders. “Mp3-Anlage? Bei manchen Männern geht es nicht ohne Dolby Souuround-Anlage.”
GS