Ach es ist wieder herrlich. Ich liebe Zugfahren. Und wenn Sie regelmäßiger Leser von Steins Woche sind, wissen Sie auch, wie sehr ich das Zugfahren liebe. Man lernt so viele Menschen kennen. Allein vom Zuhören.
Heute ist es wieder so weit. Ich sitze im ICE von München nach Köln und hinter mir sitzt ein Mann mit Brille, Schnäuzer, zurückgekämmten Haar und strengem Gesicht, das Handy in steilem Winkel an das Ohr haltend und – telefoniert.
Nun können Sie einwenden – das an sich ist ja nichts Ungewöhnliches. Da mag ich Ihnen auch kaum widersprechen. Aber interessant ist er, worüber er telefoniert.
Noch vor wenigen Minuten hat er mit einem Herrn Winkelmann telefoniert. Morgen steht offensichtlich eine wichtige Präsentation an und Winkelmann möchte wissen, ob er die Zahlen, die er morgen darstellt, als 1000er-Kontakt-Preise oder in absoluten Zahlen wiedergibt.
Der Mann hinter mir – er sieht ein bisschen so aus wie Michael Douglas in diesem Film, wo er in einem Stau aus seinem Auto steigt und anschließend Amok läuft – erklärt ihm:
„Es ist mir eigentlich gleich, welche Basis Sie nehmen. Aber der 1000er-Preis ist wahrscheinlich transparenter. Nehmen Sie aber die Darstellung, die Sie bevorzugen. Es macht Ihnen doch nichts aus, den 1000er-Preis darzustellen?“
Wunderbar! So lernen Arbeitnehmer und Mitarbeiter, wie es ist, eigene Entscheidungen zu treffen.
Doch kaum hat Winkelmann aufgelegt, tippt mein Hintermann wild auf seinem Handy herum. Offensichtlich ruft er „Köhler“ an. Ich tippe mal, dass es sich dabei allerdings nicht um unseren Bundespräsidenten, sondern um einen Namensverwandten handelt.
„Köhler, Winkelmann hat ganz schön Muffensausen“, sagt „Michael Douglas in dem Film, wo er Amok läuft“, hinter mir. Dann lässt er sich von Köhler ausführlich berichten, was dieser von Winkelmann hält.
„Aha. Soso. Ahhahaha. Sososo.“
Dann fällt ein Satz, der mir sehr gut gefällt. Michael Douglas: „Ja, diesen Eindruck habe ich auch – er ist mit Leib und Seele nicht dabei.“
Wunderbar, nicht wahr. Da weiß man doch gleich, welche Karriere Winkelmann nach dieser Präsentation bevorsteht…
Aber der Chef wäre nicht Chef, wenn er nicht gleich eine Lösung wüsste. Er bittet (und bitte schön, das ist jetzt ein Livebericht – Sie können sich gar nicht vorstellen, wie meine Laptoptasten glühen…) Köhler: „Schicken Sie mir die Zahlen, die Winkelmann morgen präsentieren will. Dann bau ich die bei mir ein – als Backup.“
Dummerweise wird – so viel habe ich beim Vorgeplänkel erfahren – Michael Douglas morgen vor Winkelmann sprechen … Ich kann mir schon vorstellen, wie Winkelmann mit offenem Mund die Präsentation des Chefs erlebt, in der seine Zahlen drin sind. Auf Basis der 1000er-Preise natürlich.
Und ich kann mir ebenso heftig vorstellen, wie Winkelmanns Präsentation ausfällt. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Vermutlich wird dann Michael Douglas nachher kopfschüttelnd zu Köhler gehen und ihm mitteilen: „Grauenhafter Vortrag. Nichts Neues. Hatten wir alles schon erzählt. Dabei hatte ich ihm alles so schön erklärt. Ich glaube, wir müssen mal dringend mit Winkelmann sprechen…“
Nachtrag:
Sagen Sie jetzt nicht, ich sei feige und hätte nicht das Gespräch mit Michael Douglas gesucht. Aber er schläft jetzt. Die Brille hängt schief über den Schnäuzer. Der Mund ist offen. Zwischen den Schneidezähnen hängt ein Kräutlein. Sein Knie ist seltsam verdreht. Irgendwie habe ich das Gefühl, ich sollte diesen wichtigen Menschen jetzt nicht wecken. Und den Zug wechsle ich auch.


