Steins Blog

17. Juli 2009

In Deutschland gibt es eine Unterschicht

freitag_170709Erkenntnis?

Im Internet bin ich vergangene Nacht über eine „empörte” Diskussion gestoßen. Thema: „In Deutschland gibt es eine Unterschicht.”

Stimmt. Aber:

Die relevanten soziologischen Untersuchungen zeigen: Diese Schicht hat der Sozialstaat selber hervorgebracht.

Fast ein Drittel unseres Sozialprodukts werden für soziale Leistungen aufgewendet. Um in deren Genuss zu kommen, muss man meist den Arbeitsmarkt verlassen. Die Menschen erhalten also eine Prämie, wenn sie sich aus der Arbeitsgesellschaft ausgliedern. Erst dadurch hat sich die Unterschicht im heutigen Umfang gebildet und verfestigt. Ein falsch ausgelegter Sozialstaat, der das Wegbleiben statt das Mitmachen belohnt, „hat die Kinder dieser Menschen auf dem Gewissen.” Sagt der Ökonom Hans-Werner Sinn. Und weiter:

Das bedroht den sozialen Frieden. Frankreich, das auf dem Entwicklungspfad Richtung allumfassender Sozialstaat weiter ist als wir, zeigt, was uns blühen könnte: Dort hatten wir zwei Jahre hintereinander Herbstkrawalle. „Sie schauen hoffnungslos in die Zukunft und entladen ihren Frust, indem sie Autos anzünden.”

Dabei fällt mir gerade das Vogelpaar ein, das vor dem Haus brütet. Der Nachwuchs wird sich in Kürze einstellen. Ich stelle mir Folgendes vor: Nicht nur in den ersten Lebenswochen werden die Eltern den Nachwuchs versorgen. Ihm das Nest in Ordnung halten. Die Nahrung herbeischaffen und auch das notwendige Wasser. Aus lauter Fürsorge werden sie eines Tages beschließen, dass der Nachwuchs nicht gedrängt und unter psychologischen Druck gesetzt werden soll. Das ist nicht gut für die Entwicklung. Also wird der Nachwuchs etwas länger gefüttert und gehegt. So gehen die Wochen ins Land. Die Eltern schuften, und weil sie es allein nicht mehr schaffen, müssen auch die anderen Vögel mit ran. Denn viele Vogelpaare sind in diesem Jahr auf eine ähnliche Idee gekommen.

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Doch langsam, aber sicher wird es der versorgenden Gemeinschaft zu viel. Man drängt den Nachwuchs, doch nun bitte schön flügge zu werden. Der aber denkt nicht daran. Mal ist das Wetter zu schlecht. Mal steht der Wind ungünstig. Mal sind es Kopfschmerzen und ähnliche Krankheitssymptome, die die Flugstunden verhindern. Und so wird es Herbst. Das Klima wird rauer. Schon rottet sich der erste Vogelnachwuchs zusammen und protestiert energisch. Das von der Vogelgemeinschaft herbeigeschaffte Nahrungs- und Flüssigkeitsangebot hat sich verschlechtert.

Auf Massenkundgebungen wird gegen dieses unsoziale Verhalten protestiert. Erste Interessengruppen bilden sich, und es wird gefordert, einen Mindeststandard an der von der Vogelgemeinschaft bereitzustellenden Nahrung festzulegen. Im Übrigen sei es dem älter werdenden Nachwuchs nicht zuzumuten, länger als 12 Wochen mit den Eltern in einem Nest zu verbringen. Jedem Nachwuchsvogel sei deshalb ab der 13. Lebenswoche auf dessen Wunsch hin von der Vogelgemeinschaft ein gemachtes Nest bereitzustellen. Die Proteste weiten sich aus. Und darüber wird es langsam, aber sicher Winter. Eltern und Versorgergemeinschaft fliegen der Sonne entgegen. Nur der Nachwuchs verharrt im Nest. Er hat das Fliegen verlernt. Die Frostnächte kommen. Der erste Schnee fällt. Und der Nachwuchs erfriert.

Nun – wir haben Sommer. Und deshalb wünsche ich Ihnen an dieser Stelle warme Tage.

Einen Nachwuchs, der nicht vergisst, flügge zu werden. Und zuallererst: ein wirklich schönes Wochenende!

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