Steins Blog

2. Oktober 2009

Eine dringende Bitte an alle Frauen dieser Welt

021009_dienstagNichts anzuziehen

Morgen fahren meine Holde und ich nach Wiesbaden. Versandhandelskongress. Und wie es sich gehört, soll am Abend eine schöne Party steigen. Und damit fangen die Probleme schon an…

Die Nacht hat sich über diesen Dienstag und über Deutschland gelegt. Ich sitze im Home-Office und beantworte gerade die Leserfrage für den „F.A.Q-Daily“, meinem kostenlosen Newsletter, in dem ich jeden Arbeitstag eine interessante Leserfrage aus den Bereichen Arbeitsrecht. Entgeltabrechnung und Steuern beantworte, als plötzlich meine Holde hinter mir steht. Sie hält ein grünes Strickkleid in den Händen und hält es sich vor den Körper.

„Duuuu“, sagt sie, „wir müssen etwas besprechen.“

Ich drehe mich um zu ihr. „Was denn, mein Schatz?“, frage ich, während vor meinem inneren Auge der in solchen Momenten für Männer nicht unübliche Film abläuft, der immer dann beginnt, wenn eine Frau ihrem Mann sagt: „Wir müssen etwas besprechen!“

„Was habe ich ausgefressen?“ „Habe ich den Müll rausgebracht?“ „Hat sie die alten Liebesbriefe gefunden?“ „Weiß sie von der Verabredung mit den Jungs, nächste Woche. Herrje, wie hat sie das denn so schnell herausgefunden …?“ Und so weiter, und so weiter.

Als Mann hätte ich an dieser Stelle eine dringende Bitte an alle Frauen dieser Welt:

Wenn es nicht wirklich einen Grund dafür gibt – beginnen Sie nie ein Gespräch mit: „Wir müssen etwas besprechen!“ Dieser sofortige Anstieg des männlichen Blutdrucks ist nicht gut für das männliche Herz. Und bekanntermaßen sterben Männer früher als ihr Frauen. Ich bin absolut davon überzeugt: Mindestens ein Viertel der Jahre, die wir früher ableben, gehen auf das Konto „Du, wir müssen etwas besprechen!“

„Ich habe nichts gemacht“, sage ich auf jeden Fall sicherheitshalber und starre auf das grüne Kleid, welches sich meine Holde vor den Bauch hält.

„Männer haben immer irgendetwas gemacht“, sagt meine Holde kurz angebunden. „Aber darum geht es nicht. Meinst du, ich kann das grüne Kleid morgen Abend anziehen, oder ist es zu lässig für die Party?“

Wenn ein Mann mit einer solchen Frage konfrontiert wird, steckt er sofort in einer Falle. Er kann jetzt nicht mehr richtig antworten. Entscheidend ist der kurze, von Frau nachgeschobene Nachsatz „… oder ist es zu lässig?“ Das heißt im Klartext:

„Ich würde es nicht anziehen, wenn in meinem Kleiderschrank irgendetwas wäre, was ich morgen Abend anziehe könnte. Aber nein, nichts, dort herrscht traurige Leere. Und sag jetzt nicht, dass ich in diesem Fetzen auf eine Party gehen soll. Das geht auf keinen Fall. Wie sehe ich denn da aus? Aber es ist ja auch mal wieder typisch. Würdest du nicht ständig meckern, wenn ich mir mal was bestelle, dann hätte ich das Problem nicht. Dann könnte ich jetzt aus den herrlichsten Kleidern auswählen, hätte keine Probleme und würde morgen Abend strahlend schön und passend gekleidet auf die Party gehen, mich amüsieren und viel Spaß haben. Stattdessen stehe ich hier verzweifelt mit diesem Lumpen aus meinem traurig leeren Kleiderschrank!“

Faszinierend, oder?

Diese Kunst, ein ganzes Leben in einem Halbsatz zu erzählen, beherrschen nur Frauen. Aber: Die Sache hat einen Haken:

Die meisten Männer sind nämlich nicht in der Lage, diese gefährlich kleinen, kurz nachgeschobenen Halbsätze auch nur ansatzweise richtig zu deuten. Was allerdings auch daran liegen mag, dass sie schon beim Hauptsatz nach der Hälfte irgendwie abgeschaltet haben. Oder immer noch mit dem vor ihrem inneren Auge ablaufenden Fragefilm „Was habe ich getan?“ „Ich bin unschuldig!“ usw. beschäftigt sind.

„Das grüne Kleid ist tatsächlich etwas lässig!“, sage ich und drehe mich wieder um.

Meiner Holden fällt die Kinnlade herunter. Obwohl voll bekleidet steht sie auf einmal nackt und hilflos da. „Aber dann habe ich morgen überhaupt nichts anzuziehen. Ich kann doch nicht nackt gehen“, sagt sie verzweifelt. „Wir müssen absagen!“

Nun – über diese Art der weiblichen Verzweiflung muss ich mir keine Gedanken machen. Das habe ich in langen Jahren des, äh, Studiums herausgefunden. Denn auch das ist eine der unumstößlichen Tatsachen im Leben: Männer und Frauen verzweifeln unterschiedlich.

Während Männer, wenn sie denn verzweifelt sind, es mühelos schaffen, in ein tiefes Jammertal zu fallen, aus dem sie nur schwer weder herausfinden, ist eine Frau, die verzweifelt, in Gedanken bereits mit der Lösungsfindung beschäftigt. Das mag einer der Gründe dafür sein, warum sich mehr Männer als Frauen umbringen.

Wie auch immer – meine Holde kehrt tatsächlich ihre weibliche, lösungsorientierte Seite heraus und verschwindet mit den Worten: „Ich habe überhaupt nichts zum Anziehen!“ ins obere Stockwerk, um kurz darauf mit einem anderem Kleid zu erscheinen. Einem schwarzen Kleid.

„Meinst du, ich kann das hier anziehen?“, fragt sie und hält es sich prüfend vor den Körper. Ich mustere sie vom Schreibtisch aus. „Das ist schön. Das kannst du anziehen!“

Zufrieden wende ich mich meinem PC zu. Schließlich ist das Problem gelöst. Denke ich. Doch die Holde sieht das anders.

„Auf dieses Kleid kann ich aber keinen Schal tragen. Das passt nicht zum Strickkragen. Meinst du nicht, dass es zu kalt dafür ist?“

„Ja, es ist schon kälter abends“, brumme ich.

„Also kann ich das Kleid nicht anziehen?“, fragt die Holde.
„Dann zieh halt keinen Schal an!“, sage ich.
„Dann hole ich mir den Tod und bin tagelang erkältet!“
„Dann zieh halt was anderes an!“
„Ich soll also dieses Kleid nicht anziehen? Eben hat es dir doch noch gefallen? Du kannst ja einen ganz verrückt machen!“

Meine Holde macht auf dem Absatz kehrt und verschwindet wieder nach oben. Seufzend mache ich mich wieder ans Werk.

Es dauert nur zwei Minuten, bis meine Holde wieder hinter mir steht. Diesmal hat sie aus dem Kleiderschrank, voll mit nichts anzuziehen, gleich zwei Kleider mitgebracht. Das heißt: eigentlich ein Kleid und einen Rock. Und eine Bluse. Alles hält sie sich irgendwie vor den Bauch.

„Kann ich denn davon etwas anziehen?“, fragt sie.
„Zusammen passt das aber nicht“, sage ich.
„Sei nicht so einfältig. Ich meine doch nicht zusammen. Sondern entweder diesen Rock mit der Bluse oder das Kleid mit einem roten Schal.“

Oh Mann. Das ist jetzt der Männerhärtetest. Frau will, dass sich Mann vorstellt, wie sie in unterschiedlichen Kleidern aussieht. Hallo?! Lese ich immer wieder, dass Männer mehr damit beschäftigt sind, sich vorzustellen, wie eine Frau OHNE das aussieht, was sie gerade anhat?

„Weiß ich nicht. Ich finde einen weißen Schal besser.“
„Aha, du magst also die Bluse nicht!“
„Ich rede nicht von der Bluse, ich rede vom Schal!“
„Ja, aber ich habe gedacht, dass ich Rock und Bluse anziehe. Und nicht das Kleid. Aber du magst ja die Bluse nicht!“
„Doch, die mag ich. Ehrlich!“
„Aber schon letztens sollte ich die schon nicht anziehen!“
„Es ist eine wunderschöne Bluse. Ganz ehrlich! Aber das Kleid ist für die Party morgen schöner! Mit einem Schal und alles ist wunderbar!“

Meine Holde schmollt: „Du bist überhaupt keine Hilfe“, sagt sie und verschwindet wieder nach oben, um zwei Minuten später zurückzukehren. Diesmal hat sie das schwarze Kleid angezogen. „Sag was. Lila schal – oder den goldenen?“
„Den goldenen!“

Sie seufzt. „Aber dafür habe ich überhaupt keine passenden Schuhe. Den kann ich unmöglich zum Kleid tragen!“
Jetzt ist es an mir, zu seufzen. „Warum in aller Welt fragst du mich denn nach dem goldenen Schal, wenn du gar keine Schuhe dafür hast?!“
„Weil ich dachte, es sieht hübsch aus!“
„Aber du hast doch keine passenden Schuhe … Warum zeigst du es mir dann?“
„Du willst mir einfach nicht helfen!“

Verärgert dreht sich meine Holde um und verschwindet für – richtig! – zwei Minuten, um kurz darauf mit schwarzem Kleid und weißem Schal und weißen Schuhen zurückzukehren. Aber nicht, um zu fragen, ob sie das jetzt morgen tragen soll, sondern um festzustellen: „Siehst du, das ist viel zu festlich!“

Noch bevor ich auch den Mund nur aufbekomme, verschwindet sie bereits wieder. Mein Zeitfenster: zwei Minuten. Dann ist sie zurück. Im schwarzen Kleid mit lila Schal und in lila Schuhen. „Und, was sagst du jetzt?“

„Perfekt“, sage ich. „Es ist einfach perfekt!“

„Das hättest du auch gleich sagen können“, brummt meine Holde. „Ich wollte das schon die ganze Zeit anziehen. Aber nein, du kannst dich ja einfach nie entscheiden.“ Sie seufzt. „Ach, man hat es schon schwer mit euch Männern!“

Tja, und wenn sie das so sagt, dann muss Mann es fast schon glauben …

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