Heinos Brille
In meinem Schrank liegt Heinos Brille. Es steht sogar Heino drauf. Auf den Bügeln. Und die Dose, in der die Brille steckt, trägt Heinos Unterschrift. Er hat sie mir geschenkt. Nicht, weil er seine Brille nicht mehr braucht, sondern weil es im Heino Shop in Bad Münstereifel die Original-Heino-Brille zu kaufen gibt. Er hat also mehrere davon.
Er hat auch mehrere Toupets. Sieben Stück, um genau zu sein. Wobei, wenn ich mich recht erinnere, ihm vor zwei oder drei Jahren in Hamburg auf der Reise sein Koffer gestohlen wurde. Prompt stand in der Bild-Zeitung: „Heino: Koffer gestohlen. Alle Toupets weg.“ Oder stand da: „Alle Brillen weg“? Ich weiß es nicht mehr so genau. Aber er hat danach nicht bei mir angerufen, um seine an mich verschenkte Brille zurückzuleihen. Also gehe ich davon aus, dass die Toupets weg waren und nicht die Brillen. Es macht auch keinen Sinn, mit einem Koffer voller Brillen zu reisen, wenn man die eine, die man braucht, auf der Nase, und die andere, die man später braucht, die „Nachtbrille“ nämlich im Auto hat. Heino fährt nämlich auch nachts mit Brille. Aber mit einer etwas helleren. Und mit Toupet.
Ich glaube, beides hat allein polizeitechnische Gründe. Heino ohne Toupet und Brille würde bei einer allgemeinen Verkehrskontrolle von keinem Polizisten erkannt. Wenn dann aber der unerkennbare Heino seinen echten Heino-Führerschein (Foto mit dunkler Brille – Heino hat eine staatliche Ausnahmegenehmigung!) vorzeigt, ist auf dem Foto ja gar nicht der echte Heino drauf, also ohne Brille und ohne Haare, sondern der andere Heino. Also der Falsche. Der mit Haaren und Brille. Weil wir ihn für den echten halten.
Die Polizei würde dann aber meinen, dass da ein falscher Heino dem echten Heino den Führerschein geklaut und darüber möglicherweise alle Haare verloren hat. Oder dass der Dieb ausgesehen hat wie Heino und nun keine Brille mehr tragen darf und keine Haare mehr tragen will.
Wie auch immer – es gäbe eine Menge Probleme. Zumal im Führerschein ja nur das Foto von Heino ist, aber nicht Heinos Name. Er heißt ja Kamps. Nee – das war der andere Bäcker. Kramm heißt er. Heinz Georg Kramm. Und damit wäre die Verwirrung dann perfekt. Und Heino, nein Herr Kramm, würde vermutlich in U-Haft landen.
Heino hat mir die Brille übrigens geschenkt, als wir vor Jahren einen gemeinsamen Freund auf Mallorca besucht und uns dort kennen gelernt haben. Leider darf ich die Brille zu Hause aber nicht tragen. Meine Holde bekommt jedes Mal Krämpfe, wenn ich auch nur den Versuch unternehme, sie aufzusetzen. Die Brille, meine ich. Dabei finde ich, dass sie mir sehr gut
steht …
Doch wie komme ich jetzt eigentlich darauf?
Ach ja.
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Meine Holde und ich haben kürzlich Ausschnitte des „New Pop Festivals“ gesehen. Einer Veranstaltung, die zuerst über das Radio und dann im ZDF in Ausschnitten präsentiert wurde.
Ich weiß ja nicht, ob Sie diese Sendung auch gesehen oder gehört haben – aber Hand aufs Herz: So mancher Künstler hat in seinem Bemühen, den richtigen Ton zu treffen, bestenfalls für sich hochrollende Fußnägel gesorgt. Den Vogel abgeschossen hat die Gruppe a-ha. Durchaus Stars von Weltformat. Aber im Studio um Längen, wie soll ich sagen, treffsicherer, was die Töne betrifft, als live.
Trotzdem – wenn man sich die Bilder und die Reaktionen der Leute ansieht, entdeckt man vor allem eines: restlose Begeisterung. Woraus ich messerscharf schließe, dass man heute krumm singen muss, um geradlinige Begeisterung zu ernten.
Und wieso komme ich jetzt darauf?
Weil Heino derzeit auf Kirchenkonzertreise ist. Eine seiner letzten Stationen: Kitzbühel. Und im Kitzbüheler Anzeiger entdecke ich heute den Brief einer Leserin, die in seinem Konzert war und sich bitter darüber beschwert, dass Heino ja wohl offensichtlich Playback gesungen hat und sie sich deshalb furchtbar auf den Arm genommen fühlt.
Dumm gelaufen …
Heino hat nicht Playback gesungen. Er gehört nur eben zur alten Garde von Sängerinnen und Sängern, die nur deshalb Karriere gemacht (und ihre Karriere zeitlebens weiterverfolgt) haben, weil sie auch ohne Studiotechnik die Töne dort treffen, wo sie hingehören – und sich das dann auch noch so anhört wie auf der Platte.
Aber vielleicht ist das irgendwie altmodisch. Und vielleicht … vielleicht sollte ich jetzt auch anfangen zu singen. Ich treffe garantiert keinen Ton! Steht mir damit, als Künstler von heute, eine Weltkarriere offen? Ich werde intensiv darüber nachdenken. Und setze mir schon mal meine Heino-Brille auf.

