Waren Sie auch schon mal in einer solchen Zwickmühle?

Freitag 13. November 2009 von admin
Kategorie: Allgemein |
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131109_freitag„Darüber schreibst du jetzt aber nicht!“

Kennen Sie dieses Gefühl, in einer Zwickmühle zu sitzen? Falls ich es in meinem Leben noch nicht kennengelernt haben sollte – seit gestern Abend kenne ich es. Denn ich habe meine Freunde Klaus und Claudia besucht …

Klaus ist vom Sternzeichen Krebs. Ein Mensch also, der sehr an seinem Heim, seiner Frau und seinen gut eingetragenen Wäschestücken hängt. Und genau so ein Wäschestück bekam ich gestern Abend, als wir gemütlich bei einem Glas Wein zusammen saßen, präsentiert.

Wir hatten vorher sehr allgemein über das Thema „Treue“ gesprochen. Genauer: Über Klaus Treue zu seinen Lieblingskleidungsstücken. Zum Beispiel die „senffarbene Hose mit schönen Einlässen“ (Klaus), die wohl eher eine „kackbraune Hose mit senffarbenen Streifen“ war (Claudia) und die nach Jahren einer sehr innigen Beziehung zwischen Träger und Kleidungsstück schließlich auf brutalstmögliche Weise von der Mutter des Trägers entsorgt worden war.

„Tagelang war er beleidigt“, wusste Claudia über das Thema zu berichten. Klaus sprach in diesem Zusammenhang übrigens nicht von „beleidigt“, sondern von „tiefer Trauer“. Zumal die Hose nach seinem Empfinden auch heute noch sehr gut tragbar wäre – wenn sie denn nicht ein solch grausames Schicksal erlitten hätte.

Da geht es ihm mit seiner dunkelblauen Hose Marke „Jogginghose für Nicht-Jogger“ schon viel besser. Sie sieht zwar an den Knien herum aus wie ein Paar Socken, das man auf rauem Parkettboden sauber abgeschrubbelt hat – aber sie lebt. Ist also noch da. Was auch daran liegen mag, dass Klaus sie derzeit, im kalten November, nicht tragen mag, weil es ihm „an den Knien so kalt ist“. Klar – an den stofffreien Stellen zieht es eben. Wobei sich die Frage stellt:

Warum ist die Hose ausgerechnet an den Knien abgeschrubbelt? Vermutlich, weil Klaus jedes Mal, wenn er diese Hose anzieht, auf die Knie fällt und Claudia anfleht: „Werf diese Hose niemals weg!“ Aber das würde er nie zugeben. Und auch nicht darüber sprechen.

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Ich darf ja auch darüber sprechen beziehungsweise schreiben – und das ist die Zwickmühle, in der ich gerade stecke. Denn beide, Klaus und Claudia, haben mich gestern inständig ermahnt: „Schreib diese Geschichte bloß nicht in Steins Woche!“ Was ich natürlich auch nicht tue – ich schreibe hier ja nur darüber, dass ich die Geschichte nicht schreiben darf.

So schreibe ich auch nicht über das grausame Schicksal, das Klaus andere blaue Lieblingshose erlitten hat. Nachdem sie aus der Wäsche nicht mehr auftauchte, machte er sich auf die Suche und bat schließlich Claudia um ein klärendes Gespräch. Dabei stellte sich heraus, dass die Hose versehentlich in der Mülltonne gelandet war. Klaus war natürlich sofort zu einer Rettungsaktion bereit. Leider zu spät. Gerade als er von dem furchtbaren Schicksal seiner Hose erfuhr, fuhr der Müllwagen vor und übernahm mit grauenhaft mahlenden Geräuschen den Inhalt der Tonne nebst Hose. Verheiratet sein ist nicht immer leicht …

Kein Wunder also, dass Klaus so an dem Wäschestück hängt, das ich gestern Abend präsentiert bekam und über das ich selbstverständlich nicht schreiben darf. Ich schreibe also nicht, dass es sich dabei um eine Art dunkelblaues Sweatshirt mit Kragen handelt (um was es sich genau handelt, lässt sich leider nicht mehr ganz genau sagen), das an vielen Stellen dort, wo sich früher mal Stoff befand, jetzt große offene Stellen hat. Am Bauch zum Beispiel klafft ein großes Loch. Auch am Saum unten, am Kragen und an den Nähten in den Ärmeln klaffen Löcher. Am Kragen, am Rücken auch. Eigentlich handelt es sich also um ein großes Loch mit Stoff drumherum.

„Das kann doch kein Mensch mehr anziehen“, sagt Claudia dazu, während sie mir Loch für Loch vorführt und auf Zustimmung hofft.
„Langsam, aber sicher ist es einfach gut eingetragen“, sagt Klaus dazu – und hofft ebenfalls auf Zustimmung.

Ich kann mich nicht so recht entscheiden, wem ich zustimme – was beide in einer gewissen Unzufriedenheit verharren lässt und in der von beiden Seiten ausgesprochenen Ermahnung mündet: „Schreib bloß nicht drüber!“ – was ich selbstverständlich nicht tue.

Claudia: „Darüber schreibst du aber nicht in SteinsWoche. Und wenn, dann bitte mit dem deutlichen Hinweis, dass ich dieses Kleidungsstück längst entsorgt hätte, wenn er nicht so mit Argusaugen darüber wachen würde.“ (Was kein Wunder ist, angesichts des grausamen Schicksals, welches die blaue Hose erleben musste!)

Klaus: „Schreib das bloß nicht, und wenn, dann schreib darüber, wie wichtig bequeme Kleidungsstücke sind!“

Also schreibe ich nicht darüber. Und auch nicht über seine braune Cordhose, mit der er mich gestern empfangen hat. Eine sehr gut eingetragene Cordhose übrigens, die im Laufe der Jahre zwar die gesamten Cordstreifen verloren hat, aber mit viel gutem Willen doch noch als Hose erkennbar ist. „Komfort geht vor!“

Im Übrigen glaube ich, dass sich das Thema mit dem blauen Sweatshirt heute erledigen wird. Claudia will es waschen. Ich bin fest davon überzeugt: Das überlebt es nicht.

Und so mache ich mich lieber schnell von dannen, bevor das Haus meiner Freunde zum Trauerhaus wird. Sicher ist sicher.

Ihnen wünsche ich das schönste aller denkbaren Wochenenden und sage Tschüss bis zum nächsten Mal.

Ein Kommentar zu “Waren Sie auch schon mal in einer solchen Zwickmühle?”

  1. Von Rolf Möller:

    Hallo Herr Stein, mit großem Vergnügen lese ich immer wieder Ihren Wochenbericht. Was die Kleidungsstücke angeht, ging es mir bei meiner vormaligen Holden genauso. Deshalb schreibe ich aber nicht, sondern weil ich mich über sprachliche Nachlässigkeiten in den Medien ärgere. Auch Sie schreiben “werf” statt “wirf” und oft begegne ich Verwechselungen von “wie” und “als” (genauso wie bzw. größer als) oder “auf” und “offen” (ich mache das Fenster auf, dann ist es offen). Was halten Sie davon? MfG Möller

 

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