Aua. Die Klatsche, die das Bundesverfassungsgericht heute unseren geschätzten Politikerinnen und Politikern erteilt hat, tut weh. Das Gesetz zur Vorratsspeicherung von Daten ist gekippt. Bis es zu einem neuen Gesetz kommt, dürfen die Telekommunikationsunternehmen und Provider nichts mehr im Auftrag des Staates speichern. Mit dem Entfernen des Gesammelten ist augenblicklich zu beginnen.
„Ein großartiges Urteil“, sage ich zu meiner Holden. „Jetzt müssen all die gesammelten Vorräte weg. Vorratsspeicherung ist verboten.“
„Gut“, sagt meine Holde und zögert kurz. Dann fragt sie: „Gilt das Urteil nur für die Regierung?“
„Wie meinst du das?“, will ich wissen. Solche Nachfragen aus dem Mund einer Frau sollten bei einem Mann immer die Alarmglocken läuten lassen.
„So, wie ich das sage. Gilt dieses Urteil nur für die Regierung oder für jede Form von Vorratsspeicherung?“
Leicht irritiert schaue ich meine Holde an. Worauf will sie bloß hinaus?
„Keine Ahnung“, sage ich unwirsch. „Aber warum fragst du?“
„Na ja, ich habe mir gerade gedacht, dass dieses Urteil auch gut auf dich passen würde.“
„Auf mich? Wie kommst du denn drauf?“
„Weil du ja auch eine gewisse Vorratsspeicherung betreibst!“
„Wo betreibe ich denn Vorratsspeicherung?“
Meine Holde nimmt mich an die Hand. „Komm mit!“
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Unwillig folge ich ihr in die Küche, wo sie diverse Schränke öffnet. „Wie viel Packungen Nudeln siehst du da?“, fragt sie sanft.
„Weiß ich nicht“, brummele ich. „Die Schränke sind zu voll, um das zu überblicken.“
„Da zum Beispiel“, sagt sie und zeigt auf einen ganz bestimmten Schrank.
„Da sehe ich Nudeln.“
„Aha, und wie viel?“
„Weiß ich nicht“, sagte ich leicht genervt. Meine Holde kennt die Zahl genau.
„17“, sagt sie. „Es sind genau 17 Packungen Nudeln. Und nun frage ich dich: Welcher Haushalt braucht solche Mengen an Nudelvorräten?“
„Was habe ich damit zu tun?“
„Bist du nicht derjenige, der jeden dritten Tag durch die Supermärkte rennt?“
„Hm“, grummele ich. Mir fällt gerade nichts Besseres ein, denn es stimmt schon. Ich gehe gerne durch Supermärkte – und natürlich kann es da schon einmal passieren, dass man die ein oder andere Packung aus dem Sonderangebot mitnimmt. Oder aus der jeweils laufenden Aktion wie „Bunte Spezialnudeln“ oder „Lebendiges Italien“ oder was auch immer.
„Nudeln kann man immer brauchen!“, sage ich schließlich. Bei so einer gewichtigen Aussage kann meine Holde wohl kaum widersprechen.
Tut sie auch nicht. Sie zeigt auf den nächsten Schrank. „Wie viele Packungen Reis siehst du da?“
„Ich weiß es nicht“, sage ich schon leicht genervt.
„Es sind 14. Wir haben 14 Packungen Reis im Haus.“
„Reis ist gesund und nahrhaft!“, entgegne ich. „Außerdem magst du Reis. Und ein bisschen Abwechslung kann nicht schaden. Basmati-Reis, Jasmin-Reis, Wildreis, Vollkorn-Reis, Milch-Reis … Das fällt doch auch nicht durch. Freu dich doch, wenn wir was im Haus haben.“
„Und was ist das hier?“, fragt meine Holde, während sie versucht, die Tiefkühltruhe unter dem Kühlschrank zu öffnen. Das ist nicht ganz einfach, weil die Schubladen klemmen.
Genau genommen gingen sie zuletzt nur aufgrund meines genialen Verpackungsmanagements überhaupt noch zu. Nie hätte ich gedacht, dass sie genau deshalb jetzt nicht mehr aufgehen.
„Bei meiner letzten Inventur“, sagt meine Holde mit vorwurfsvollem Blick, während sie versucht, wenigstens eine der Schubladen zum Öffnen zu bewegen, „befanden sich in diesen drei Schubladen Vorräte für etwa 9 Monate und 4 Großfamilien. Leider ist es jetzt nicht mehr möglich, weitere Inventuren zu machen, weil alle drei Fächer nicht mehr aufgehen. Vermutlich sind die Vorräte für eine weitere Großfamilie hinzugekommen.“
Ich werde unwirsch. Denn ich weiß, welche Schätze sich in der Tiefkühltruhe verbergen. Ich brauche nur die Aktions-Prospekte der letzten 4 Monate meiner Supermärkte durchzugehen und vor meinem geistigen Auge erscheinen schon die herrlichsten kulinarischen Köstlichkeiten, frisch zubereitet, herrlich anmutend und duftend vor meinem geistigen Auge. Dummerweise vergesse ich meistens, die gewünschten Speisen rechtzeitig aus der Tiefkühltruhe zu holen und aufzutauen. Aber das macht nichts:
Wir haben jetzt einen neuen Supermarkt um die Ecke. Der ist bis 22 Uhr geöffnet. Und da kann ich jederzeit schnell etwas anderes kaufen. Außerdem – so lange die Schubladen klemmen, hat sich das Thema von selbst erledigt.
Schon dreimal habe ich den besten Handwerker in der Familie, meinen Schwiegervater, gebeten, mir zu Hilfe zu eilen, um die Schubladen wieder in Gang zu bekommen – aber er kommt merkwürdigerweise nicht. Vermutlich hat er eine Geheimanweisung bekommen: „Solange die Schubladen klemmen, kauft er nichts Neues …“ Oder seine Frau, meine Schwiegermutter fürchtet, dass ich sofort nach dem Öffnen der Schubladen mit der Umlagerung beginne und ihm Sachen zur Zwischenlagerung in seiner Tiefkühltruhe mitgebe. Das habe ich schon mal gemacht – hat gut geklappt. Die beiden essen dem Vernehmen nach noch heute davon. Denn Zurückgeben geht nicht – ich habe ja keinen Platz. Obwohl ich langsam, aber sicher befürchte, dass diese goldenen Zeiten für immer vorbei sind. Und unsere Verfassungsrichter sind schuld daran.
„Schau es dir genau an“, sagt meine Holde, während sie die überquellenden Schränke und die Tiefkühltruhe wieder schließt. „So sieht Vorratsspeicherung aus. Und die ist ab sofort verboten.“
„Willst du mir echt verbieten, günstige Sonderangebote zu kaufen?“, frage ich empört.
„Nein“, sagt die Holde sanft. „Das verbiete ich dir ja gar nicht. Aber haben die Richter nicht gesagt, dass sofort sämtliche Vorräte entfernt werden müssen? Dann machen wir das doch. Und wenn die Vorräte weg sind, gibt es vielleicht ein neues Gesetz und dann können wir ein klitzekleines bisschen wieder mit dem Speichern anfangen.“
Merkwürdig. Irgendwie freut mich das Urteil aus Karlsruhe gar nicht mehr. Aber mir fällt schon was ein. Irgendeine Lösung gibt es. Ich denke an eine Zweitwohnung mit größerem Tiefkühler. Bis dahin gibt es bei uns halt Nudeln und Reis. Und wenn Sie mal zum Essen vorbeikommen möchten, gerne. Vorher anzumelden brauchen Sie sich nicht. Wir haben ja immer was im Haus.


