Wo soll das mit unserer Zivilisation noch enden?

Freitag 9. April 2010 von admin
Kategorie: Allgemein |
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montag_090410Sieger-Eier

Das Leben ist Taktik. Ist ein einziger Kampf zwischen klugen und vermeintlich klügeren Entscheidungen. Zwischen feinen Winkelzügen und groben Haudrauf-Schlachten. Ein gewaltiges, überdimensioniertes Schachbrett, bei dem es gilt, jede Entscheidung klug vorzubereiten und weise zu durchdenken. Sonst sind die Folgen unabsehbar.

An keinem anderen Tag im Jahr wird das deutlicher als am Ostersonntag:

Dann, wenn die Eier gefunden und die Familienmitglieder um den Küchentisch versammelt sind, um beim Eierpecken den Sieger in der Eierschlacht zu ermitteln. Kopf um Kopf, Boden um Boden werden eingedellt, bis am Ende das Sieger-Ei und damit der glückliche Sieger-Ei-Besitzer ermittelt ist. Und es ist klar – dieser Sieger werde ich sein …

„Nun mach endlich!“, mault meine Holde mir gegenüber am gedeckten Frühstückstisch. Schon seit Minuten kreist meine Hand über dem Nest mit den Ostereiern. Das grüne Ei scheint mir einen stabilen Kopf zu haben. Ideal für den Erstschlag. Allerdings bereitet mir sein Boden etwas Sorgen. Ist dort die Farbe nur verschmiert – oder bedeutet der kleine weiße Fleck, dass sich ein Riss durch die Eierschale zieht und die Kampfkraft des Eis entscheidend geschwächt ist?

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Sorgsam nehme ich stattdessen das rote Ei aus dem Nest und betrachte es von allen Seiten. „Es sieht mir fast so aus wie ein Sieger-Ei“, murmele ich. Doch ich bin skeptisch. In seligen Kindheitstagen habe ich immer das rote Ei genommen. Denn Rot hielt ich für eine Siegerfarbe. Erst nach einigen traumatischen Erlebnissen musste ich erkennen: Rot gewinnt nicht immer. Seitdem lasse ich mich von der Farbe nicht mehr blenden. Auch gelbe Eier können Sieger-Eier sein. Zumindest auf den ersten Blick. Jedoch habe ich gehört, dass Gelb derzeit schwächelt. Ich befürchte, dass dieses Phänomen dem ein oder anderen ganz schön auf die Eier geht. Ich aber will Sieger-Eier!

Behutsam lege ich das rote Ei zurück ins Nest. Ein orangefarbenes sticht mir ins Auge. Es sieht gut aus. Keine sichtbaren Verletzungen, gleichmäßige Farbe. Das muss es sein. Obwohl … ist in der Ukraine Orange nicht gerade abgewählt worden? Man muss auch auf die kleinen Vorzeichen schauen, wenn man aus der Eier-Schlacht als Sieger hervorgehen will.

„Mir ist langweilig!“, höre ich meine Holde von der anderen Seite des Tisches maulen. „Könntest du langsam, aber sicher zu Potte kommen? Außerdem habe ich, wie du weißt, gestern, am Ostersonntag, bereits beim Eierpecken gewonnen. Nur mal so …“

„Das zählt nicht“, grummele ich. „Wir waren brunchen, und uns wurden die beiden Ostereier zugeteilt. Du hast einfach nur Glück gehabt. Das hat nichts, aber auch gar nichts mit Taktik und Geschick zu tun. Nur mit Glück. Sonst gar nichts.“

„Wenn du meinst“, grinst meine Holde. „Wir werden ja sehen, wer heute gewinnt.“

Natürlich hat sie schon längst ihr Ei ausgesucht. Eigentlich hat sie sich nur an den Frühstückstisch gesetzt, hat sich blind eins aus dem Korb genommen und verkündet: „So, damit gewinne ich!“

Kein Wunder, dass es um den Zustand unseres Planeten derzeit so schlecht bestellt ist. Immer mehr weibliche Regierungschefs … und wenn die alle ihre Entscheidungen so sorglos treffen wie meine Holde bei der Eierauswahl, stellt sich unwillkürlich die Frage: „Wo soll das mit unserer Zivilisation noch enden?“

Aber in einem Punkt hat sie recht:

Gestern hat meine Holde beim Eierpecken gewonnen. Gut, es war höhere Gewalt. Mir ist einfach das falsche Ei zugeteilt worden. Aber wäre es dann nicht Aufgabe einer liebenden Frau, den eigenen Mann gewinnen zu lassen? Um ihn hoch erhobenen Hauptes durch den Ostersonntag kommen zu lassen?

Aber nein. Das Gegenteil ist der Fall. Nachdem meine Holde nicht ohne ein zufriedenes Lächeln im Gesicht den Kopf meines Eis nach ihrem ersten Schlag splittern und zerbrechen sah, war es ihr ein Vergnügen, auch noch den Boden meines Loser-Eis einzudrücken. Diese Schmach gilt es heute, nach allen Regeln der Kunst, auszumerzen.

„Soll ich derweil ein wenig bügeln … einen Marathon laufen oder ins Kino gehen, bis du dein Sieger-Ei gefunden hast?“, höre ich von ferne die Stimme meiner Holden, die mich aus den trüben Erinnerungen meiner gestrigen Niederlage ins Heute zurückholt.

„Sei nicht albern“, knurre ich. „Ich bin ja gleich fertig.“

Mein Gehirn arbeitet auf Hochtouren. Wie war das nochmal? Gelb durchlebt eine schwache Phase. Schwarze Eier haben wir nicht. Grün ist konstant – aber auf niedrigem Niveau … Stand denn in dieser Woche nicht im Politbarometer, dass Rot im Aufwind ist? Also nicht ganz rot, sondern mittelrot? Gedankenverloren nehme ich das rote Ei noch einmal die Hand. Es fühlt sich gut an. Stabil.

„Okay, das ist es!“, sage ich – und umfasse das Ei mit meiner ganzen Hand, so dass nur noch der Kopf rausguckt.  „Du fängst an“, grinse ich siegessicher in Richtung meiner Holden. Sie hebt kurz die Schultern. „Wie du meinst.“ Dann umgreift sie ihr Ei und lässt es drohend über meinem kreisen.

„Hast du noch einen letzten Wunsch?“, fragt sie mich.
„Ja“, antworte ich, „sei nicht zu frustriert, wenn dein Ei gleich vernichtend geschlagen wird!“
„Versprochen“, sagt meine Holde – und im gleichen Moment saust ihre Hand mit dem Ei herunter. „Patsch!“ macht es, und das hässliche Geräusch zerberstender Eierschale ist zu hören. Und noch ein viel hässlicheres Geräusch mischt sich dazwischen. Das Geräusch hämischen Lachens. Das Lachen einer Frau, die über ihren Mann triumphiert.

Wütend lege ich mein Ei aus der Hand. „Ich war so sicher, mit rot zu gewinnen“, schnaube ich. „Aber gerne“, sagt die Holde. „Aber erst müssen wir noch Boden auf Boden schlagen. Die Schlacht soll schließlich final und endgültig sein …“

Frustriert schaue ich zu, wie auch noch der Boden meines Eis gesprengt wird.

„Jetzt zeig mir endlich dein Sieger Ei“, sage ich, gedemütigt und geschlagen. Lächelnd öffnet meine Holde ihre Hand. Und der Sieger ist: rot, rot, gelb!

Ach du Schande, jetzt traue ich mich nicht mal mehr, wählen zu gehen …

 

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