Der Krieg der Flaschen
Immer ich! Doch ich habe mir geschworen: Das passiert dir nicht mehr! Und heute ist der Tag der Tage. Heute kommt es darauf an. Und ich habe ein wirklich gutes Gefühl. Ich werde es schaffen!
Während ich die Tüten mit den leeren Plastikflaschen ins Auto stapele, schaue ich meine Holde mit entschlossenem Blick an. „Heute werde ich der Erste sein! Heute wird mich niemand blockieren – heute bin ich der König!“
„Na dann, alles Gute“, sagt meine Holde leise und winkt mir leicht verständnislos nach, als ich den Motor starte, um zum Supermarkt zu fahren. Aber ist es ein Wunder, dass sie mich nicht versteht? Ich bin es ja, der das Leergut zurückbringt. Und ich bin es, der selbst in einem vier Sekunden vorher noch vollkommen leeren Supermarkt plötzlich genau die Leute anzieht, die circa zweihundert leere Flaschen zurückbringen – und vor mir an der Reihe sind.
Wie kürzlich die türkische Familie. Ich habe keine Ahnung, wie diese Menschen leben, vor allem, wo sie leben. In ihrer Wohnung kann das nicht sein, denn die ist offensichtlich von leeren Wasser- und Limoflaschen überschwemmt:
5 große Säcke voller Flaschen werden nämlich gerade in dem Augenblick von ihnen nach und nach in den Automaten gestopft, als ich mit meinen fünf leeren Flaschen ankomme, nur um schnell mein Leergut loszuwerden. Und gerade als ich denke: „Nun haben sie es geschafft“, fährt mir ein Wagen in die Hacken. Es ist die Oma der Familie, die noch einmal vier Säcke leerer Flaschen anbringt.
Doch Wunder, oh Wunder:
Auch diese 4 Säcke gehen durch, die Familie bekommt ihren Pfandbon und zieht fröhlich schnatternd weiter. Entnervt lege ich meine erste Flasche in den Leergutautomaten. Es knirscht, es rattert – und schon geht die rote Lampe auf dem Automaten an und auf dem Display erscheint: „Automat gesperrt. Bitte gehen Sie zu einem anderen Automaten.“ Eine Aufforderung, die in keinster Weise witzig ist – denn es gibt in diesem Supermarkt keinen anderen Automaten. Genau so, wie es zur Mittagszeit nur eine Kassiererin im Supermarkt gibt, die leider keine Zeit, sich des Leergutautomaten anzunehmen. Und es war Mittag …
Und so etwas passiert mir immer:
Wie kürzlich mit dem Mann, der – während er gefühlte 150 leere Bierflaschen in den Automaten schob – von dem lustigen Vereinsausflug am Wochenende erzählte. „Und da ist gut was gegangen“, erklärte er mit rauer Stimme. „Falls Sie wissen, was ich meine!“ Dabei führte er die rechte Hand zum Mund, den Daumen ausgestreckt.
Er hätte es mir nicht so genau erklären müssen. Ich hatte auch so verstanden. Schließlich wartete ich seit 75 Flaschen, dass er endlich fertig wird. Und weitere 75 Flaschen lagen noch vor mir.
Gerne denke ich auch an die ältere Dame, vor kürzlich am Leergutautomaten vor mir stand, bepackt mit diversen Einkaufstüten voller Leergut. „Ich will ja nicht dastehen wie so jemand, der allen Müll sammelt, deshalb bringe ich die Flaschen gleich weg“, erklärte sie mir, während sie Flasche um Flasche in den Automaten füllte. Ich schaute mir ihre Tütenberge voller Flaschen genauer an. Also entweder hat sie wirklich großen Durst – oder sie bringt die Flaschen eben nicht gleich weg. Ich weiß es nicht und ich will es auch gar nicht wissen. Ich will nur mein Leergut wegbringen. Sonst nichts.
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Doch heute, heute habe ich einen ausgeklügelten Plan:
Uhrzeit: 11 Uhr. Um diese Zeit sind weder türkische Familien unterwegs (ich unterstelle einfach, dass die Kinder zu dieser Zeit in der Schule sind) noch Messie-Omas, noch bierselige Vereinsvorsitzende.
Tag: Dienstag. Keine neue Aktionsware = weniger Kunden
Ort: Norma. Der einzige Supermarkt im Ort, der noch nicht so recht von der Bevölkerung angenommen wird.
Ziel: Ungestört am Leergutautomaten das aufgelaufene Leergut loswerden.
Auf dem Parkplatz angekommen, fahre ich vorsichtig an der Hauptfront des Supermarktes vorbei. Er scheint leer zu sein. Nur eine einzige Frau schlendert zwischen den Regalen.
Sicherheitshalber fahre ich vor der Schaufensterscheibe noch zweimal hin und her, was zwar das Verkaufspersonal auf mich aufmerksam macht, doch das spielt keine Rolle. Ich habe ein Ziel!
Die Luft scheint rein zu sein:
Vorsichtig schaue ich mich auf dem Parkplatz um. Wo parke ich am besten? Mein Kopf rattert. Dann die Entscheidung. „Am besten gleich neben dem Häuschen mit den Einkaufswagen. Es muss alles blitzschnell gehen“, sagt mir meine Intuition. Und so mache ich es auch.
So unauffällig wie möglich parke ich ein und krame noch im Auto die 1-Euro-Münze für den Einkaufswagen heraus. Meine linke Hand umklammert den Türgriff. Ich atme tief durch. „Jetzt!“, rufe ich, reiße die Tür auf und springe hinaus.
Mit nur zwei Sätzen bin ich bei den Einkaufswagen. 1-Euro-Münze rein, Einkaufswagen raus. Blitzschnell und doch irgendwie in Zeitlupe – fast so, wie man es aus den Matrix-Filmen kennt – zerre ich den Einkaufswagen vor meinen Kofferraum. Hektisch öffne ich die Klappe und stapele meine drei Tüten mit dem Leergut in den Wagen. Kofferraumklappe zu, Auto abschließen, zum Eingang des Supermarktes rennen scheint eine einzige, fließende Bewegung zu sein. Schon höre ich hinter mir Autokolonnen mit kreischenden Bremsen ankommen. Die Vereinsvorsitzenden und türkischen Familien nahen. Auch die Messie-Oma kann jetzt nicht mehr weit sein. Es geht um Sekunden.
In rekordverdächtiger Zeit jage ich am Müsli vorbei, quer durch den Mittelgang mit seinen Weinangeboten, reiße fast noch die Hausmacher Gurken herunter – und dann stehe ich vor ihm – dem Ziel meiner Träume. Dem nicht von Feinden besetzten Leergutautomaten.
Mit zitternden Händen greife ich nach der erste Wasserflasche aus einer meiner Tüten und will sie grade in die kreisrunde Öffnung stecken, da höre ich diese grausige Stimme der Verkäuferin: „Der Automat ist kaputt. Aber der Service ist schon da. Kann nicht mehr lange dauern. Sie müssen sich aber hinten anstellen. Die anderen sind vor Ihnen dran.“
Langsam drehe ich mich um und da stehen sie: meine türkischen Freunde und Sammler. Versteckt im Seitengang, der von draußen nicht einzusehen ist. Freundlich nicken sie mir zu. „Viel leere Flasche. Oma kommt auch noch“, höre ich den erwachsenen männlichen Teil der Familie sagen. „Und dann Automat kaputt. Haben wir echt Pech!“
„Haben wir“, stammele ich. Und mit hängendem Kopf ziehe ich mit meinem Leergut davon.


Kommentar:
http://www.himmelsterne.de/11.html
LD
aber sehr enste Komentar wegen Holde…