Die Kreuzfahrer
Jetzt weiß ich definitiv, was mit meiner Holden im Falle eines Schiffuntergangs passiert. Und ich fürchte, man wird später keinen Film darüber drehen. Sie wird auch wohl nicht, wie auf der Titanic, zu den Klängen der Bordkapelle untergehen. Sie wird … Ach, ich glaube, ich muss es der Reihe nach erzählen.
Es ist passiert:
Meine Holde und ich haben eine Kreuzfahrt gebucht. Dubai, Oman, Abu Dhabi und zurück. Seit gestern sind wir an Bord. Von Frankfurt aus ist es losgegangen. Fast problemfrei. Lediglich die Dame am Bordingschalter der Fluggesellschaft Condor war angesichts unserer Handgepäckmengen ein wenig unlustig. Doch was sind schon zwei Rollkoffer, eine Handtasche, eine Tüte, ein Rucksack und ein Mantel? „Wahrscheinlich viel“, lautet die schnippische Antwort. Und noch ehe wir protestieren können, hat sich die Dame das Gepäck geschnappt und verschwindet mit einem: „Muss ich mitnehmen“ in der uns umgebenen Menge reiselustiger Kreuzfahrer.
Während wir noch überlegen, ob die Fluggesellschaften die durch den Vulkanausbruch vor zwei Wochen entstandenen Schäden durch gezielten Handgepäckraub wieder wettmachen wollen, kommt die Dame bereits zurück. „Es sind 4 Kilo zu viel“, raunzt sie. Sie müssen umpacken und noch einen Koffer aufgeben.“ Spricht es – und verschwindet.
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Nun ist es glücklicherweise eine im Leben stets aufs Neue funktionierende Taktik: Bereitet Dir jemand Probleme, sorge für ein Gegenproblem – und schon löst sich Dein Problem auf.
Aus diesem Grund springe ich auf, kaum dass die vermeintliche Kofferdiebin wieder an ihren Schalter verschwunden ist, und eile zu ihrer Kollegin am Schalter nebenan: „Ihre Kollegin hat gesagt, dass unsere Koffer wieder herausgeholt werden müssen, damit wir umpacken können. Da ich nur Technik mithabe, kann ich keinen von den Handkoffern so aufgeben. Könnten Sie das also bitte sofort veranlassen. Ich will ja nicht, dass wegen Ihrer Kollegin die Maschine Verspätung hat.“
Entgeistert schaut mich die Frau an – dann wirft sie einen Blick in Richtung Ihrer Kollegin, die völlig unbeteiligt in der Gegend herumschaut. Vermutlich sucht sie sich gerade neue Opfer.
„Wir können den Koffer nicht rausholen“, sagt die Dame mir gegenüber.
„Und ich kann dann nicht umpacken“, sage ich.
Auge in Auge stehen wir uns gegenüber. Fieberhaft suchen wir beide eine Lösung. Die Kollegin, die das ganze angezettelt, kaut derweil gelangweilt an einem Bleistift. Plötzlich lächelt mein Gegenüber: „Was haben sie denn mit?“, fragt sie. „Ein Laptop?“ Ihr Blick schaut hoffnungsvoll.
„Natürlich“, antworte ich. Begeistert nickt die Condor-Mitarbeiterin. „Ein Laptop ist wie eine Frauenhandtasche“, sagt sie. „Das geht!“ Beide nicken wir zufrieden. „Super“, sage ich. „Dann habe ich halt 3 Handtaschen.“ Und noch bevor sie antworten kann, verschwinde ich blitzartig zurück an meinem Platz. „Alles in Ordnung“, raune ich meiner Holden zu und ernte einen bewundernden Blick. „Du bist großartig“, sagt sie. Zufrieden schließe ich die Augen. „Eine Reise, die mit purer Bewunderung der mitreisenden Holden beginnt … Herz, was willst Du mehr?“
Der Flug selber verläuft übrigens fast reibungslos. Für das „fast“ sorgt ein lustiger Schweizer, auf dem Gangplatz neben mir, der im Laufe des 6 1/2-stündigen Fluges immer lustiger wird. Er hat festgestellt, dass die Getränkelogistik an Bord hervorragend funktioniert – vor allem dann, wenn man sich persönlich um den Nachschub kümmert. Was er – ganz gründlicher Schweizer – auch gerne tut. Das deutsche Bier gefällt ihm. Der Weißwein ist nicht ganz sein Fall, wird aber tapfer getrunken. Dafür ist der Sekt prima. Am besten aber schmeckt ihm der Rotwein. Die ersten vier Flaschen sind die Besten. Sagt er. Als er allerdings gegen Ende des Fluges damit beginnt, mir die Haare zu kraulen, wird meine Holde hinter mir unlustig. Die sitzt nämlich direkt hinter mir. Das mit dem Platz nebeneinander hat nicht ganz geklappt.
„Ich wollte nur mal gucken, ob er den Unterschied merkt“, schweizelt der lustige Schweizer. „Den kennt er“, säuert meine Holde. Ich stelle mich derweil tot, sicher ist sicher …
Endlich in Dubai gelandet, stellen wir uns in eine lange Schlange an der Passkontrolle. Überall laufen ernstblickende Männer, eingehüllt in lange Bettlaken, und schauen, dass wir Touristen uns auch gut benehmen. Mit der Dame in der Schlange vor mir kann ich derweil ein Gespräch darüber führen, wie lange man wohl dazu braucht, so ein arabisches Bettlaken so zu bügeln, bis es so glatt ist wie die Laken der Herren Beamten. „Die werden gemangelt“, meint meine Holde von hinten und unterbricht so unser sehr informatives Fachgespräch.
Gegen 1 Uhr sind wir auf dem Schiff und machen uns sofort auf Erkundungstour. Ich erkunde Ort und Lage der Weinbars, meine Holde die der Toiletten. Aus glaubhaften Berichten ihrer Mama weiß ich, dass sie das schon als kleines Mädchen stets als erstes getan hat – und bestimmte Angewohnheiten ändern sich eben nicht.
Nur mit dem Gepäck gibt es ein kleines Problem. Es fehlt. „Das ist nichts Ungewöhnliches“, wurden wir allerdings schon bei der Abfahrt vom Flughafen Dubai informiert. Und so nehmen wir beide es eher gemütlich, als auch um 3 Uhr, um 4 und um 5 Uhr keine Koffer da sind. Wer braucht schon Zahnbürste, Waschzeug und Kleidung zum Wechseln, um zu schlafen?
Gegen 6 Uhr schließlich rummst es an der Tür. Und da ich nach ausgiebigen zwei Stunden Schlaf und einer Unterbrechung um 5 Uhr, um nachzuschauen, ob das Gepäck schon da ist, auffallend ausgeschlafen bin, hole ich die beiden Koffer herein, breche zusammen und wir schlafen noch weiter bis 9. Dann heißt es aber raus aus dem Bett, Frühstück. Außerdem ist die Notfallübung angesagt. Pflicht für alle Passagiere.
„Wenn es 7 mal piept, ist das ein Alarm, dann müssen sich alle Passagiere die Rettungsweste anziehen und auf Deck 3 strömen“, so die klare Ansage, die in insgesamt 5 Sprachen über alle Bordlautsprecher zur besten Mittagsschläfchenzeit ausgestrahlt wird.
Wenig später – Überraschung – piept es tatsächlich. Sofort mache ich mich auf, um zu strömen. Meine Holde strömt nicht.
„Ich geh erst mal noch auf die Toilette“, verkündet sie – und verschwindet.
„Spinnst du“, rufe ich Richtung Badezimmertür. „Stell dir vor, das Schiff würde wirklich untergehen. Und dann?“
„Dann kann man mich immer noch retten!“
Tja – und mit diesem Worten strebt er dahin – mein Traum vom großen Finale á la Titanic.
Wie romantisch war doch dieser Gedanke: Unser Schiff neigt sich dem Meeresgrund. Kapellen spielen. Eng umschlungen stehen wir, hören die Geigen, warten auf unser Schicksal. Und jetzt das:
Wenn unser Schiff einmal untergeht, werden uns keine Sterne zum Lebewohl funkeln. Wir werden unserem Schicksal nicht tapfer und für immer vereint entgegentreten. Nein, unser Untergang wird ein anderer sein:
Ich stehe klopfend an einer Badezimmertür, und meine letzten Worte, bevor das Meer uns verschlingt, werden sein: „Komm da raus.“ Und der letzte Gruß, der von drinnen an meine Ohren dringt, wird sein: „Bin gleich fertig“. Und dann verschlingt uns das Meer …
Oh ha – es heißt wohl zu Recht: Wenn einer eine Reise tut …

