Lieben Sie auch Mittagsschläfchen?

Freitag 4. Juni 2010 von admin
Kategorie: Allgemein |
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montag_040610Mittagsschläfchen … jetzt ein Mittagsschläfchen

Meine Mutter muss Unrecht gehabt haben. Vollkommen Unrecht. Steif und fest hat sie bis zuletzt behauptet, dass ich als Kind die unangenehme Angewohnheit hatte, Mittagsschläfchen jeglicher Art zu verweigern. „Während andere Eltern sich für ein paar Minuten in wohliger Ruhe ausstrecken konnten, wolltest du Beschäftigung“, höre ich sie heute noch mit leicht vorwurfsvollem Ton sagen. Doch ich bin überzeugt: Sie hat sich geirrt. Vielleicht war es ja meine etwas ältere Schwester Sabine, die den Terror machte, während ich fröhlich schnarchend in meinem Bettchen lag. Es kann gar nicht anders sein. Denn … ich liebe Mittagsschläfchen.

Angefangen hat es bei der Bundeswehr. Nach dem dreimonatigen Grundwehrdienst wurde ich nach Bonn in das Bundesverteidigungsministerium versetzt. Als eine Art Schreibdame in ein „ziviles“ Referat.

Dummerweise gab es in diesem Referat, also in dieser Abteilung, bereits eine echte Schreibdame. Die sah nicht nur besser aus als ich, sie konnte auch besser tippen. So war die Verteilung recht einfach: Die schwierigen und langen Briefe bekam sie, die einfachen und  kurzen, ich.

Nun ist die Bundeswehr ein sehr komplexes Gebilde. Komplexe Gebilde erfordern komplexe Steuerung. Komplexe Steuerung erfordert komplizierte, lange Briefe. Das wiederum führte in meinem Fall unweigerlich dazu, dass sich mein Arbeitsaufwand in engen Grenzen bewegte. Zumal die Schreibdame auch besser Kaffee kochte als ich (so wurde es mir zumindest nahegelegt) und ich auch von dieser Tätigkeit entbunden war.

Angenehmerweise war ich als Wehrpflichtiger im Ministerium ein so genannter „Heimschläfer“, das heißt, ich übernachtete nicht in der Kaserne, sondern zu Hause. Trotzdem gehören zum Verteidigungsministerium aber einige kasernenartige Gebäude mit Betten, eigens bereitgestellt für die im Ministerium beschäftigten Soldaten und Wehrpflichtigen. Sollte jemals spontan der Krieg ausbrechen, müssen die Wehrpflichtigen und Soldaten ja auch ebenso irgendwo untergebracht werden können.

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Kurzum: Ich besaß dort ein eigenes Bett. Und dieses erfreute sich großer Beliebtheit bei mir. Denn nach dem Mittagessen wurde es sofort zum Abhalten eines ausgedehnten Mittagsschläfchens genutzt.

Die Sache hatte einen Haken:

Unmittelbar nach meiner Bundeswehrzeit, die insgesamt 15 Monate dauerte, wovon 12 Monate mit ergiebigen Mittagsschläfchen angereichert waren, begann meine erste Ausbildung. Und schnell stellte ich fest:

Der menschliche Körper liebt einen festen Rhythmus. Einmal daran gewöhnt, hört er nie mehr damit auf. Das gilt auch für pünktlich um halb eins abgehaltene Mittagsschläfchen, für die dummerweise in meinem Ausbildungsplan kein Platz vorgesehen war. Und so kam es, wie es kommen musste:

Eines Nachmittags musste ich im Rahmen einer Urlaubsvertretung Ausgangsrechnungen vorbereiten. Eine Aufgabe, die den ganzen Auszubildenden fordert. Sie müssen sich das so vorstellen:

Von der Computerabteilung bekommen Sie einen Riesenstapel Rechnungen auf einer bedruckten Endlosbahn in die Hand gedrückt. Von dieser Endlosbahn müssen Sie nun Rechnung für Rechnung entlang der Perforation abreißen, falten und in eine selbstklebende Tüte stecken, die am nächsten morgen auf ein Päckchen geklebt wird. Die Aufgabe ist etwa so aufregend, wie einer Waschmaschine zuzuschauen. Und zwar, bevor sie mit Wäsche gefüllt und angestellt wird.

Um 13 Uhr – ich saß allein in einem Büro, um dieser anspruchsvollen Tätigkeit ungestört nachgehen zu können – begann ich mit dem Abreißen der Rechnungen. Um 17 Uhr wurde ich von der Reinigungsfachfrau geweckt. Ob ich noch lange arbeite und ob sie später wiederkommen soll, um mich in meinem Arbeitsfluss nicht zu stören, fragte sie mich grinsend. Mit einem Blick auf die beiden bereits gerissenen und die geschätzten noch 150 zu reißenden Rechnungen gab ich ihr pflichtgemäß zur Auskunft, dass sie gerne später wiederkommen solle, und kämpfte bis zum Einbruch der Nacht mit den Rechnungen.

Zum Glück ist es mir dank günstigster Umstände dann doch gelungen, in diesem Unternehmen Karriere zu machen. Ich bekam ein eigenes Büro, eigene Mitarbeiter – und ein eigenes Sofa. Wobei dieses Sofa in zweierlei Hinsicht Anziehungskraft auszuüben schien. Auf mich – pünktlich zur Mittagsschläfchenzeit nämlich – und auf alle im Verlag Beschäftigen. Ebenfalls zur Mittagsschläfchenzeit.

Selbst wenn den ganzen Vormittag und den ganzen Mittag sich nicht ein Mensch in meinem Büro hatte blicken lassen, änderte sich das schlagartig, sobald ich meinen ruhebedürftigen Körper auf das Sofa legte. Kaum lag er, ging die Tür auf, und mein armer Körper musste hochsausen. Kaum lag er wieder, ging die Tür wieder auf. Wie beim Jo-Jo-Spiel.

Klar, dass in einer solch dramatischen Lebensphase nur ein einziger Schritt bleibt, der getan werden kann:

Der Schritt in die Selbstständigkeit. Und dieser Schritt folgte. Zum Glück erfolgreich – und mit ungestörten Mittagsschläfchen. Bis … ja, bis meine Holde in mein Leben trat. Denn auch sie liebt Mittagsschläfchen. Auch sie ist selbstständig.

Das an sich wäre kein Problem, wenn wir uns nur irgendwie darauf verständigen könnten, wer von uns beiden für das pünktliche Aufwachen zuständig ist. Jeder verlässt sich auf den anderen: „Nur 20 Minuten, dann weckst du mich auf!“ „Mach ich, sobald ich wach bin!“ Wenn wir dann nach 2 Stunden wie aufgeregte Hühner durch die Wohnung zu den Schreibtischen hetzen, fliegen wilde Wortfetzen durch das Haus:

„Du hast doch versprochen, mich zu wecken!“
„Nein, du. Aber du hast ja einfach weitergeschlafen …“
„Auf dich kann man sich wirklich nicht verlassen.“
„Wer sich auf dich verlässt, der ist verlassen!“

Anschließend herrscht Stille im Hause. Man hört nur das heftige Klackern der Computertasten …

Natürlich haben wir es schon mit verschiedenen Tricks versucht:

Zum Beispiel mit Weckerstellen. Es hilft nichts. Gleich beim ersten Klingeln saust entweder ihre oder meine Hand auf den Wecker – und schon herrscht wieder Ruhe. Zufrieden drehen wie uns noch einmal um: „Nur noch 5 Minuten. Du weckst mich, ja?“ „Ja, wenn du mich weckst!“

Anfänglich haben wir auch gedacht, dass es eine gute Idee ist, die Handys neben das Bett zu legen. Irgendjemand ruft bestimmt an und weckt uns mit seinem Anruf. Pustekuchen! Natürlich ruft niemand an, um uns zu wecken. Die Handys scheppern erst dann heftig, wenn wir wieder wach sind, wie die Wilden in die Tasten hauen, und alles haben – nur keine Zeit, um zu telefonieren.

Seit heute ist alles anders!

Denn dass es so nicht weitergehen konnte, war uns beiden klar. Und deshalb haben meine Holde und ich einen Plan gefasst, den wir heute erstmals umgesetzt haben. Statt einmal lange zu schlafen, splitten wir das Mittagsschläfchen. Ein
20-Minuten-Schläfchen (das sollen ja angeblich die besten sein) am Mittag, zu meiner gewohnten Zeit (Sie wissen schon: Bundeswehr …), und ein
15-Minuten-Schläfchen (die sollen fast so gut sein wie die 20-Minuten-Schläfchen) zu ihrer Zeit, am frühen Nachmittag.

Das mit dem ersten Mittagsschläfchen hat wunderbar geklappt:

Schon nach zwanzig Minuten klingelte der Wecker und meine Holde versprach mir, mich nach dessen Abstellen in spätestens einer Minute zu wecken. Allerdings war ich es dann, der sie weckte … 1 Stunde später.

Mit dem zweiten Schläfchen lief es dafür ganz anders:

Um Punkt 16 Uhr lagen wir im Bett. Um 16.05 Uhr versicherten wir uns das erste Mal, dass wir überhaupt nicht schlafen können … Um 16.10 Uhr berieten wir darüber, ob es angesichts der Tatsache, dass wir schlaflos in der Gegend herumliegen, nicht sinnvoller wäre, die aufgestaute Arbeit zu erledigen … Um 17.40 Uhr wachten wir auf …

„Du hast doch gesagt, du bekommst das mit dem
15-Minuten-Schlaf hin!“
„Du hast gesagt, du stellst den Wecker!“
„Das stimmt ja gar nicht. Du hast behauptet, früher wärst du auch immer nach 15 Minuten aufgewacht!“
„Früher ist aber nicht heute!“

Und während wir in so fröhlicher Unterhaltung zu unseren Arbeitsplätzen rannten, bimmelte mein Handy. Eine Kundin war am Apparat. Sie klang verzweifelt. „Sie haben mir die Texte doch für heute 16.30 Uhr versprochen!“
„Sie kommen auch gleich“, habe ich treuherzig geantwortet. „Sind fast fertig. Außerdem sind Sie selber schuld, dass die jetzt zu spät kommen. Was rufen Sie denn erst um kurz vor sechs an?“
„Bitte was?!“, tönte es mir empört und entrüstet aus dem Handy entgegen. „Wann hätte ich denn anrufen sollen?“
„Also heute wäre um zehn vor eins prima gewesen. Oder um Viertel nach vier. Können Sie sich das bitte für die Zukunft merken?“

Nun ja … das Telefonat ist jetzt dreißig Minuten her. So langsam kommen mir Zweifel, ob ich mich auf die Weckdienste dieser Kundin werde verlassen können. „Ich erwarte schlichtweg, dass Sie pünktlich liefern, auch ohne Anruf. Schönen Tag noch!“ Klack. So hat sie unser Telefonat beendet.

Aber immerhin: Ich konnte ihr vorher noch mitteilen, dass ich spätestens in der nächsten Ausgabe von „Steins Woche“ berichte, weshalb diese beiden Uhrzeiten so wichtig sind. Was hiermit erledigt wäre.

Also bitte. 12.40 Uhr und 16.15 Uhr. Und nicht ärgern, wenn wir nicht drangehen. Wir schlafen beide sehr fest …

Sie möchten lieber etwas vollkommen Ausgeschlafenes haben?
Da habe ich doch gleich einen Download-Tipp für Sie:

Ein Kommentar zu “Lieben Sie auch Mittagsschläfchen?”

  1. Von Lolita:

    praktisch wäre noch Handy Nummer mitzuteilen. Dann klappt auch mit Weckerdienst…

 

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