Deutschlands Brauereien haben die Fußballweltmeisterschaft sehnsüchtig herbeigesehnt. Den schon seit Jahren ist der Bierkonsum in Deutschland rückläufig. Das soll sich mit der WM ändern. Doch bislang hat das Wetter den Brauern einen Strich durch die Rechnung gemacht. Durch die beständig unbeständige Witterung haben deutlich weniger Menschen als erhofft die öffentlich organisierten „Rotten-Viewings“ besucht.
Doch der bislang magere Bierkonsum konnte nicht verhindern, dass viele deutsche Autofahrer derzeit mit einer Fahne fahren. Oder mit zwei Fahnen und noch mehr. Diese werden am Fenster festgeklemmt und flattern bei der Autofahrt munter im Wind.
Weil mir diese Fahnen gefallen, habe ich meiner Holden auch solche ans Auto geklemmt. Direkt nach dem Spiel Deutschland gegen Serbien, das bekanntlich mit 1:0 verloren ging. Allerdings ist das Entzücken – sowohl über das Spiel als auch über die Fahne – bei meiner Holden ausgeblieben. Im Gegenteil: Sie findet, dass meine gute Idee keine gute Idee ist. „Mit Fahne fahre ich nicht“, sagt sie entschlossen, was ja an sich ein vernünftiger Vorsatz ist – aber eben nicht jetzt. Schon geht die Diskussion los:
„Nun lass die Fahne doch dran. Alle fahren mit Fahne. Dann kannst du doch auch mit Fahne fahren.“
„Nur weil alle mit Fahne fahren, muss ich es noch lange nicht tun.“
„Natürlich musst du das tun. Gerade jetzt, vor dem Schicksalspiel gegen Ghana, braucht die Nationalmannschaft jede Unterstützung.“
„Die Nationalmannschaft hält sich meines Wissens derzeit in Südafrika auf und mein Auto in Deutschland. Löw und Co. bekommen nicht einmal mit, ob ich mit oder ohne Fahne fahre.“
„Darum geht es doch gar nicht. Es geht um eine Art Ausdrucks der nationalen Solidarität. Und den Spielern wird auch in Südafrika berichtet, was sich in der Heimat tut.“
„Du meist also, dass die Nationalmannschaft darüber informiert wird, ob ich eine Fahne am Auto habe oder nicht? Ich kann die Meldung im Lager der Nationalmannschaft förmlich schon hören: ‚Achtung Jungs, schlechte Nachrichten: Die Holde von Herrn Stein hat sich geweigert, eine Fahne ans Auto zu machen. Wir können schon mal die Koffer packen. So haben wir gegen Ghana nie eine Chance!‘“
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„Frauen können in Diskussionen manchmal schwierig sein“, schießt es mir in dieser Sekunde durch den Kopf. Doch tapfer argumentiere ich weiter:
„Natürlich nicht. Aber ich finde schon, dass du ein wenig mehr Begeisterung zeigen könntest!“
„Begeisterung wofür? Hast DU nicht beim letzten Spiel gerufen: ‚Die spielen wie eine Gurkentruppe?‘“
„Ach, das verstehst du nicht. Es spielt doch keine Rolle, ob die gut oder schlecht spielen, es geht um die Unterstützung.“
Spöttisch schaut mich meine Holde an:
„Unterstützung? Höre ich dich das Wort ‚Unterstützung‘ sagen? Wo hast bitte schön du mich denn letzte Woche unterstützt, als ich einen Text für einen Kunden überarbeiten musste und dich gebeten habe, einmal drüberzuschauen?“
„Hä?“
„Siehst du, das verstehst du wieder nicht. Aber ich erklär es gerne mal für den einfacheren Teil der Bevölkerung. Für dich als Mann. Also:
Ich hatte letzte Woche das Gefühl, dass ich schlecht gespielt habe. Verstehst du?“
„Nein!“
„Herrgottnochmal, das ist doch nicht so schwer! Also nochmal: Ich war mit meiner Arbeit unzufrieden. Ich habe also schlecht gespielt. Dann habe ich dich um Unterstützung gebeten. Und was hast du gemacht?“
„Weiß ich nicht?“
„Genau. Du hast nichts gemacht. Und genau darum geht es …“
Nachdenklich kratze ich mich am Kopf. So ganz genau verstehe ich immer noch nicht, worauf meine Holde hinauswill. Aber ich kenne sie gut. Sie kann beharrlich sein. Irgendwann wird sie schon auf den Punkt kommen.
„Du willst mir also jetzt sagen, dass du die Nationalmannschaft nicht unterstützen willst, weil du letzte Woche nicht in Form warst?“, frage ich sicherheitshalber zurück.
Die Lippen meiner Holden werden noch etwas spitzer.
„DU hast doch gesagt“, sagt sie und lässt das „Du“ dabei wie einen kleinen Giftpfeil zischen, „dass es egal ist, ob die Nationalmannschaft gut oder schlecht spielt, sondern dass es einzig und allein um deren Unterstützung geht.“
„Ja, habe ich. Und?“
„Ja, genau das ist doch der Punkt. ICH soll die Nationalmannschaft unterstützen, weil sie schlecht gespielt hat, aber DU unterstützt mich nicht, wenn ich glaube, mal ein schlechtes Spiel hingelegt zu haben.“
„Aber das eine hat doch mit dem anderen gar nichts zu tun.“
„Aber natürlich hat es das. Du forderst Solidarität ein, ohne solidarisch zu sein. Und deshalb bleibt es dabei: ‚Keine Fahne an meinem Auto.‘“ Spricht es und stapft davon.
Lange schaue ich ihr nach. Frauen sind manchmal so komplizierte Wesen. Hat sie mich jetzt indirekt aufgefordert, eine Fahne mit „Holde“ drauf an mein Auto zu klemmen. Als sichtbares Zeichen meiner Unterstützung?
Während ich darüber nachdenke, montiere ich die Fahne an ihrem Auto erst einmal wieder ab. Eigentlich keine schlechte Idee. Denn ich habe für ihr Auto ja noch etwas viel Schöneres gekauft. Diese neuen Spiegel-Bikinis in Deutschland-Farben. Und jetzt, wo sie im Haus verschwunden ist, kann ich die kleinen, passend für die Außenspiegel zurechtgeschnittenen Deutschlandfähnchen gleich anbringen. Meine Holde wird begeistert sein. Und überhaupt:
Vor so einem Spitzenspiel muss man doch zusammenstehen. Wäre ja noch schöner, wenn Deutschland gegen Ghana verliert – und das alles wegen meiner Holden …


