Steins Blog

25. Juni 2010

Und wieder schaut Deutschland Fussball. Nur ich noch nicht.

mittwoch_250610Ausgerechnet Holland

Das hätte nicht passieren dürfen. Halb Deutschland versammelt sich in Stadien und auf öffentlichen Plätzen, um das Schicksalsspiel der deutschen Nationalmannschaft zu sehen. Deutschland gegen Ghana, ein Spiel, von dem noch vor der Fußballweltmeisterschaft niemand gedacht hätte, dass es einmal zum Spiel der Spiele in der Vorrunde werden kann. Und was mache ich? Gehetzt laufe ich mit meiner Holden und ihren Eltern an der Costa Brava entlang auf der Suche nach einem Restaurant, das auf großem Bildschirm das Spiel der Deutschen zeigt. Wie konnte das nur passieren?

Alles begann vor einem halben Jahr. Meine Holde und ich waren zu Besuch bei ihren Eltern. Damals druckste ihr Vater herum. Ihm lag etwas auf der Zunge. Doch erst nach zwei Gläschen Wein rückte er damit heraus. „Ich habe doch bald meinen 70. Geburtstag“, erklärte er. „Und da will ich nicht zu Hause sein. Sonst muss ich eine Riesenfeier geben und das mag ich bei so einem Geburtstag nicht. Aber euch möchte ich an diesem Tag doch bei mir haben. Deshalb habe ich einen Wunsch: Kommt ihr uns besuchen? Ich möchte mir euren Besuch zum Geburtstag schenken.“

Solche Geschenke lässt man sich natürlich nicht entgehen. Und so finden wir uns nun, am Vorabend seines Geburtstags, in Spanien wieder. Konnten wir ahnen, dass die Fußballweltmeisterschaft eine solche Wendung nimmt und das Spiel Deutschland gegen Ghana zum Schicksalsspiel wird?

Den Vorschlag meines Schwiegervaters, das Spiel in der Hotelbar zu sehen, hatte ich bereits am Vortag geflissentlich überhört. Zu viele Holländer. „Wenn Deutschland verliert, müssen wir aus der Bar kriechen“ war das Argument, mit dem ich auch den Rest der Truppe davon überzeugt hatte, das Spiel woanders zu schauen. Allerdings entpuppte sich mein Vorschlag, einfach ins Zentrum zu fahren, als Flop. Wer hätte das ahnen können?

Das Restaurant, das ich ursprünglich ausgeguckt hatte, entpuppte sich als Holland-Hochburg – was die Restaurantbetreiber dadurch zum Ausdruck brachten, dass sie erst wieder das Spiel Holland gegen Kamerun zeigen würden. Das hatte ich nicht bedacht, bemühte mich aber, die leicht säuerlichen Mienen meiner Begleiter zu übersehen, als ich Schwiegervater, Schwiegermutter und meine Holde zurück zum Auto dirigierte.

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Nervös stiegen wir wieder ein. Bange Blicke auf die Uhr. In wenigen Minuten würde das Spiel angepfiffen. Im Schritttempo fuhren wir durch die City. Überall shoppende Menschen, geöffnete Läden – aber kein Restaurant und keine Bar mit Bildschirm. „Außerdem habe ich Hunger“, knurrte mein Schwiegervater.

„Ich suche ja schon“, knurrte ich und fing mir ein: „Das hättest du besser mal vorher gemacht“ von meiner Holden ein.

Endlich erblickten wir auf der anderen Straßenseite eine Bar, deren riesengroßer Bildschirm den Kopf von Özil und Co. präsentierte. „Da gehen wir rein. Das sieht gut aus!“, rief ich. Zustimmendes Nicken. „Ich habe auch schon Hunger. Beeil dich“, flüsterte mir meine Holde ins Ohr.

Nun ist das so eine Sache mit dem Beeilen, wenn nirgendwo ein Parkplatz zu finden ist. Ich fuhr zweimal die Straße hin und her – nirgendwo war etwas frei. Unlustige Blicke im Auto und unlustige Blicke hinter dem Auto verfolgten mich. Da ich im Schrittempo fuhr, hatte sich bereits ein kleiner Stau hinter uns gebildet. Mir war das egal. Ich wollte das Spiel sehen – und zwar nicht mit Heerscharen von Holländern. Blick auf die Uhr. Das Spiel war nun angepfiffen.

Da  endlich – in einer Seitenstraße entdeckte ich ihn – meinen Parkplatz. Nur fünf Minuten Fußweg von der Bar entfernt. Einparken – aussteigen – losmarschieren. Ruck, zuck ging das! „Hoffentlich haben die Deutschen noch kein Tor geschossen“, rief ich, während ich im Stechschritt in Richtung Bar lief und die leicht atemlose Meute hinter mir herhechelte.

Deutschland hatte noch kein Tor geschossen …

Allerdings gab es ein klitzekleines anderes Problem. Die Bar war eine „echte“ Bar. Es gab außer Oliven und Chips nichts zu essen, wie wir, nachdem uns der Kellner den Ehrenplatz mit freier Sicht auf den Riesenbildschirm zugewiesen hatte, mit Bestürzen feststellten. Also blieb uns nur, wieder aufzustehen, um ein neues Ziel zu suchen. Ein paar Holländer freuten sich, dass wir den Platz freimachten, während wir mit leicht hängenden Mienen vor der Bar standen.

„Und nun?“, fragte meine Schwiegermutter.
„Eine Kleinigkeit würde ich schon gerne essen“, meinte mein Schwiegervater.
„Du und deine Organisation“, grummelte meine Holde.

Fieberhaft dachte ich nach. Vielleicht wäre ja der Strand mit seinen Restaurants jetzt die Rettung. „Lasst uns Richtung Strand gehen“, schlug ich vor. „Da finden wir bestimmt was. Und wenn etwas Schönes auf dem Weg liegt, gehen wir da rein.“

Der kleine Trupp setzte sich – mangels Alternativen – widerspruchslos in Bewegung. Die Aussicht, möglicherweise bald doch noch etwas zum Essen zu bekommen, trieb die drei Rekruten hinter mir voran.

Schon passierten wir eine Bar, in der ein einsamer Bildschirm Torwart Neuer in Großaufnahme zeigte. Leider war die Bar auch sonst sehr einsam. Sehr sehr einsam sogar. Außer dem schläfrig hinter der Theke dösenden Barmann war niemand zu sehen. Kein Platz, um ein Fußballspiel in geselliger Runde zu schauen.

Auf die Bar folgte wenige Meter später ein sehr nettes Restaurant mit sehr nettem Gastgarten. Der war gut besetzt, trotzdem hätte es für uns noch einen Tisch gegeben. Die Sache hatte nur einen kleinen Haken: Das Restaurant präsentierte sich als fußballfreie Zone. „Viele Gäste kommen nur deshalb zu uns her“, zwinkerte mir der Kellner fröhlich zu, während der draußen wartende Trupp weitaus weniger fröhlich dreinblickte.

„Kein Fußball“, raunte ich den dreien zu, als ich aus dem Gastgarten zurückkehrte. Schweigend setzten sie sich hinter mir in Bewegung. Die Kommunikation war mittlerweile vollends verstummt.

Kurz darauf erreichten wir den Strand. Dort war die Hölle los. Der 23. Juni wird in Katalonien besonders gefeiert. Der St. Johannis-Tag lockt die Menschen an den Strand, wo sie Raketen und Böller in die Luft schießen, merkwürdiges Gebäck essen, Musik hören und einfach nur fröhlich sind. Fußball schauen sie dabei nicht – was einer der Gründe dafür sein mag, warum es in den ersten beiden Restaurants erst gar keinen Fernseher gab. Man wollte feiern.

„Es ist mir jetzt egal, was kommt“, verkündete meine Holde. „In das nächste Restaurant gehen wir rein!“ Wie zur Bestätigung knurrte der Magen meines Schwiegervaters dazu laut und vernehmlich. Nun blieb nur ein schnelles Stoßgebet: „Lieber Gott, bitte lass das nächste Restaurant einen großen Fernseher und vier Plätze davor frei haben.“

Nun ist das so eine Sache, mit Stoßgebeten. Vor allem, wenn man es mit einem Adressaten zu tun hat, der offensichtlich nicht ganz humorfrei ist. Denn das nächste Restaurant hatte einen großen Bildschirm. Sogar einen sehr großen – und genau vor diesem Bildschirm waren vier wunderbare Plätze frei. Nur – die übrigen Gäste trugen merkwürdige T-Shirts. In einer Farbe, die in Deutschland der Straßenreinigung und der städtischen Müllabfuhr vorbehalten ist. Auch sprachen diese Menschen eine sehr merkwürdige Sprache. Und als uns der Wirt mit einem freundlichen „Goedenavond“ begrüßte, wurde die Ahnung zur Gewissheit: Mit ungeheurer Zielgenauigkeit hatten wir das einzige von Holländern in Mas Nou betriebene Restaurant geentert.

„Wir können hier nicht bleiben“, zischte ich. „Alles Holländer.“
„Wir können sehr wohl hier bleiben“, zischte meine Holde zurück. „Hunger!“

Die Diskussion hätten wir uns sparen können, denn meine Schwiegereltern hatten bereits mit den Füßen abgestimmt und sich kurzerhand gesetzt. So blieb auch uns nichts anderes übrig, als auf den einzigen rein holländischen Plätzen an der Costa Brava Platz zu nehmen. Doch derjenige, der mein Stoßgebet erhört hatte, hatte wohl gewusst, was er tat:

Die fußballbegeisterten Holländer entpuppten sich als ausgesprochen höfliche Menschen und jubelten lautstark mit uns, als Özil den rettenden Torschuss wagte. Der Koch zeigte sich als sehr fähiger Kenner seines Berufs – und draußen vor dem Restaurant jagte ein Böller nach dem anderen in den Himmel.

„Ist das nicht herrlich“, meinte ich nach dem Spiel leise zu meinem Schwiegervater. „Da sitzen vier Deutsche in einem holländischen Restaurant, sehen zu, wie Ghana verliert, und lassen den Sieg ihrer Nationalmannschaft von tausenden Spaniern mit Raketen und Böllern feiern? Da sage noch einer, dass die Globalisierung keine schönen Seiten hat.“

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