Ich hatte mir schon Sorgen gemacht. Seit zwei Wochen lässt meine Tante Ilonka nichts von sich hören. Als treuer Leser von Steins Woche kennen Sie sie bereits. Meine Tante versorgt mich und alle Menschen, die sie mag, mit Fundstücken aus dem Internet, die sie witzig findet. Die Geschichte, die sie mir heute geschickt hat, eignet sich übrigens hervorragend für Sie, wenn Sie demnächst eine Rede oder einen Vortrag zu einem der Themen Arbeitskraft / Dumping / Großhandel / Kosten / Markt / Mitarbeiter / Preis / Tier / Viehhändler/ Wettbewerb halten müssen. Hier ist sie:
Mullah Nasrudin war Viehhändler. Täglich erschien er auf dem Marktplatz, um Esel zu verkaufen, deutlich unter dem Preis des Großhändlers nebenan. Die ersten Tage zog der Großhändler mit, weil er meinte, dem kleinen Händler werde bald die Puste ausgehen, aber Tag für Tag erschien Nasrudin, und Tag für Tag unterbot er die normalen Preise. Jetzt wurde es dem Großhändler zu dumm, und er ging mit seinen Preisen weit unter die Selbstkosten, um den lächerlichen Preiskrieg möglichst schnell zu beenden. Aber es nützte nichts.
Da endlich lud er Nasrudin ins Café ein, um sich mit ihm auszusprechen. „Hör mal“, sagte er, „ich will ehrlich mit dir sein. Ich begreife deine Strategie nicht. Ich habe einen total durchorganisierten Großbetrieb; ich züchte die Tiere selbst, und ich baue sogar das Futter selber an. Meine 150 Sklaven sind nach den neuesten REFA-Richtlinien straff durchorganisiert; ich verkaufe seit zwei Wochen schon unter Selbstkosten, habe also nicht einmal mehr den Deckungsbeitrag, und trotzdem bleibst du im Preis drunter.“
Worauf Mullah Nasrudin antwortete: „Ach, weißt du, mein Freund, es ist wirklich ganz einfach. Du stiehlst die Arbeitskraft deiner Sklaven – und ich stehle Esel!“
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