Was tun Sie alles zum Wohle Ihrer Kinder?

Freitag 20. August 2010 von admin
Kategorie: Allgemein |
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montag_200810Babypinkeln

Die Woche beginnt ein wenig müde. Doch nicht die Woche ist müde. Ich bin es. Schuld ist das Baby. Es hat mich und meine Holde spät ins Bett kommen lassen. Dabei ist das Baby wirklich reizend. Und anders als seine Gäste war es dem Vernehmen nach auch zeitig im Bett. Frisch gewickelt zudem – was seine Gäste aber nicht davon abgehalten hat, ausgiebig Babypinkeln zu feiern.

Babypinkeln ist ein schöner Brauch. Einer, den ich nicht kannte, bis unser Freund Frank und seine Frau Anke nicht nur beschlossen, ein Baby zu bekommen, sondern auch die Ankunft des pinkelnden Erdenbürgers mit einem ansprechenden Babypinkeln zu feiern.

Babypinkeln geht so:

Man braucht ein Kuchenbuffet für die Nachmittagsgäste, eine Zapfanlage mit Bier für die Abendgäste, einen Grill mit Grillgut und ein frisches Baby.

Während Kuchen, Bier und Grillfleisch relativ kurzfristig organisiert werden können, bedarf die Vorbereitung und Herstellung des Babys einer gewissen Vorbereitung und Planung. Ist es dann aber erst einmal da, lässt sich nichts mehr planen – so die Eltern.

Wichtig ist: Das Baby muss zum Zeitpunkt der Party noch frisch sein. Man darf also nicht zu lange mit der Organisation der Feier warten. Äußert es den Wunsch, dass auf dieser Party auch Topfschlagen gespielt wird, hat man den richtigen Zeitpunkt verpasst.

Auch sollte der Mutter während des Babypinkelns nach Möglichkeit eine oder besser gleich zwei agile Großmütter zur Seite gestellt bekommen, die sich beim Babypinkeln um das Baby kümmern, zum Beispiel, wenn es pinkelt, damit die Mutter desselben sich beim Babypinkeln nicht um Babypinkel, sondern um die Gäste kümmern kann.

Aufgabe der Gäste ist es, dem Baby gegenüber ihr Wohlgefallen durch das Ausstoßen frühzeitlicher Stammhirnlaute wie „Ahh“ und „Ohh“ zum Ausdruck zu bringen und darauf hinzuweisen, dass es die Augen der Mutter und ansonsten viel Ähnlichkeit mit dem Vater hat, was sich meist an der spärlichen Kopfbehaarung festmachen lässt.

Wurde das Baby dann ausgiebig bewundert, ist es Zeit, Kuchenbuffet, Zapfanlage und Grillgut in Betrieb zu nehmen. Und anders als beim Baby darf man nun herzhaft zulangen.

Derweil zugelangt wird, entwickeln sich unter den Babypinkelgästen interessante Gespräche, die allerdings je nach Alter etwas variieren. Auf Seiten der älteren Generation hören sich diese Gespräche in etwa so an:

„Ist ja schon süß so ein Baby. Da werden Erinnerungen wach.“
„Ja, aber selber möchte ich keins mehr.“
„Wär jetzt auch ein bisschen spät, oder?“
„Ich meine ja nur – alles hat seine Zeit. Seit unsere Kinder aus dem Haus sind, haben mein Mann und ich wieder viel mehr Zeit füreinander. Deshalb habe ich den Kindern auch gesagt: Wenn ihr mal Babys bekommt, glaubt bloß nicht, dass wir den Babysitter spielen. Ab und an mal – das geht ja, aber nicht immer.“
„Genau! Das habe ich meinen auch gesagt!“
„Richtig so. Die Kinder müssen auf eigenen Beinen stehen. Aber sag mal: Wie war denn euer Urlaub?“
„Urlaub?“
„Ja. Ihr wolltet doch in Urlaub fahren. In die Toskana.“
„Ach, die Toskana. Da ist leider nichts draus geworden. Unsere Heike wurde krank, und wir mussten eine Woche auf ihr Baby aufpassen. Und als wir dann endlich loswollten, rief Frank, unser Ältester an. Seine Simone und er könnten ein verlängertes Wochenende in Paris mit Freunden machen, und ob wir nicht so lange auf die Kinder aufpassen können.“
„Das tut man dann schon.“
„Haben wir ja auch gemacht. Aber ehrlich: Ich würde keine mehr wollen.“
„Babys?“
„Kinder, meine Liebe. Kinder …“

Bei der aktuellen Elterngeneration, ausgestattet mit Kindern im vorpubertierenden Alter, hört sich das etwas anders an:

„Ist ja schon süß, so ein Baby. Da werden Erinnerungen wach!“
„Oh ja. Erinnerungen daran, wie süß die Kinder als Baby waren. Und wenn ich sie mir jetzt anschaue …“ (Ruf nach hinten: „Pascal, hör auf, die anderen Kinder zu ärgern.“)
„Jaja – kleine Kinder, kleine Sorgen – große Kinder große Sorgen.“
„Da sagst du was. Ich weiß gar nicht, wo er das her hat. Aber der Kerl hat Hummeln im Hintern. Nicht eine Sekunde sitzt er still.“ (Ruf nach hinten: „Pascal – kletter nicht auf dem Gerüst herum!“)
„Von seinem Vater hat er das wohl nicht?“
„Dass ich nicht lache. Schau dir meinen doch an. Da steht er seelenruhig mit seinen Kumpels an der Zapfanlage, während ich alle Augen aufhalten muss, damit Pascal das Zelt nicht abreißt oder sich und andere Kinder aus Versehen umbringt.“ (Ruf nach hinten: „Pascal – hör auf, dem Mädchen an den Haaren zu ziehen!“)
„Meiner ist auch nicht anders.“
„Dein Junge?“
„Nein, mein Mann.“
„Ich sag’s ja: Solange sie noch klein sind …“
„Da hätten wir sie aber schlecht heiraten können.“
„Ich meine doch die Kinder, nicht unsere Männer.“
„Kinder und Männer. Manchmal weiß man gar nicht, wer wer ist.“
„Da hast du ein großes Wort gelassen ausgesprochen.“ (Ruf nach hinten: „Pasacal. Nimm die Finger weg vom Kuchenbuffet. Du hast schon genug gegessen. Pascaaal….“) Seufzend: „Wenn er doch nur einmal hören würde!“
„Dein Mann?“
„Der auch.“
Seufzen im Chor: „Männer …“

Dann gibt es noch die Gruppe der kinderlosen Paare. Hier hören sich die Gespräche in etwa so an:

„Ist schon süß so ein Baby. Schade, dass da gar keine Erinnerungen wach werden.“
„Jetzt fang nicht schon wieder damit an. Wir können jetzt überhaupt kein Baby gebrauchen.“
„Aber schau doch mal. Die kleinen Augen. Die winzigen Fingerchen. Das kleine Mündchen.“
„Und die vielen Windeln … das Geschreie … das Nachts aufstehen müssen … die Kosten.“
„Kosten, Kosten. Du immer mit deinen Kosten. Ein Baby besteht doch nicht nur aus Kosten. Ein Baby ist auch die Erfüllung einer Partnerschaft.“
„Ich bin sehr erfüllt, danke.“
„Das ist typisch. Immer denkst du nur an dich. Und was ist mit mir? Ich habe auch Bedürfnisse.“
„Müssen sich deine Bedürfnisse denn unbedingt auf ein Baby konzentrieren? Schau dir doch die Anke an, deren Baby wir heute feiern. Ringe unter den Augen, müde … Das ist es, was dir dann auch blüht.“
„Was heißt denn ‚mir‘? Du wirst mir ja wohl beim Baby helfen.“
„Natürlich, werde ich. Darum geht es doch gar nicht.“
„Du würdest mir also richtig und wirklich beim Baby helfen?“
„Jaha. Aber …“
„Ach bist du süß Schatz. Das heißt, du willst doch ein Baby. Ich liebe dich.“

Der Rest der Diskussion wird durch heftiges Aufeinanderpressen weiblicher auf männlicher Lippen abgewürgt – und der Satz „Du willst doch ein Baby“ bleibt zärtlich in der Luft stehen und wallert leise auf zum Himmel.

Doch es gibt noch eine letzte Gruppe, die auch bei keinem Babypinkeln fehlen darf. Die Gruppe der Pärchen, von denen die Umstehenden meinen, dass es nun an der Zeit wäre, dass diese ein Baby bekommen.

„Ist schon süß so ein Baby. Da werden Erinnerungen wach. Wann bekommt ihr eigentlich euer erstes? Wird ja langsam Zeit.“
„Och, darüber haben wir uns noch keine Gedanken gemacht. Wir wollen erst mal noch verreisen, das Leben  genießen …“
„Ein Baby stände euch aber gut!“
„Eine schöne Reise auch.“
„Man kann ja auch mit Baby reisen. Und man sollte auch nicht zu alt sein, wenn das Baby kommt. Zumindest nicht die Mutter.“
„Danke, wir haben noch ausreichend Zeit!“
„Anke, komm mal her mit dem Baby … Hier Anke, zeig den beiden doch noch mal euren süßen Nachwuchs. Erst gerade habe ich zu den beiden gesagt, wie gut ihnen ein eigenes Baby zu Gesicht stünde. Nicht wahr?“

Anke nickt, während sie unauffällig versucht, den Babysabber von ihrem Kleid zu wischen. Ihm ist offensichtlich ein kleiner, gut gefüllter Rülpser entfahren.

„Schaut es euch doch nur an. Ist das nicht herrlich? Und wie niedlich muss dann erst euer Baby werden. Nicht wahr, Anke?“

Anke nickt.

„Also Kinder machen das Leben erst lebenswert!“
„Und teuer …“
„Geschenkt ist nichts im Leben. Aber dafür können Kinder einem so viel geben. Ich sage immer: Ein Haus ohne Wiege ist kein Haus, das sind nur vier seelenlose Wände.“
„Danke, wir leben aber ganz gut!“
„Genau das meine ich ja. Euch geht es gut. Ihr seid im besten Alter. Also jetzt mal ran an den Nachwuchs. Warum soll es euch schließlich besser gehen als anderen?“ …

Bleibt die Frage:
Warum feiern wir Babypinkeln?

Das Ganze hat eine symbolische Bedeutung und soll dem Neugeborenen durch massig Alkohol beim Wasserlassen helfen, damit es keine Schmerzen erleidet. Daher auch der Name „Babypinkeln“.

Insofern kann ich – mit Rückblick auf den gestrigen Abend – aus voller Überzeugung feststellen: Dieses Baby wird beim Wasserlassen niemals Probleme oder Schmerzen haben. Wir haben uns richtig angestrengt. Doch was tut man nicht alles zum Wohl der Kinder …

+++

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Ein Kommentar zu “Was tun Sie alles zum Wohle Ihrer Kinder?”

  1. Von Lolita:

    Bravo!!!
    So gut geschrieben, so habe ich sofort dupliziert…

 

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