Hätten Sie es anders gemacht?

Freitag 27. August 2010 von admin
Kategorie: Allgemein |
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donnerstag_270810Kein Tiger im Tank

„Die Tanklampe ist rot. Du musst tanken!“ Meine Holde blickt hektisch zwischen Tankwarnleuchte und mir als Fahrer hin und her. Sie kann es gar nicht leiden, wenn die Warnleuchte angeht, und ich seelenruhig weiterfahre. Keine Frau kann das leiden, glaube ich. Denn Frauen haben – anders als wir Männer – einfach kein Benzin im Blut.

„Nun reg dich nicht auf“, sage ich beruhigend. „Da ist noch genug Benzin drin.“
„Ich rege mich aber auf. Wenn da genug Benzin drinnen wäre, würde die Warnleuchte nicht leuchten und rufen: ‚Bitte tanken, bitte tanken!‘“
„Du regst dich immer auf, wenn die Tanklampe angeht – aber bisher ist es immer gut gegangen. Ein Mann hat so was im Blut, der weiß, wie lange man noch fahren kann, bevor der Tank wirklich leer ist!“

„Aber wenn jetzt ein Stau kommt? Oder wenn die Tankanzeige diesmal besonders spät angesprungen ist? Oder wenn ein Stau kommt UND die Tankanzeige besonders spät angegangen ist – was machst du dann? Also um das gleich zu sagen: ICH schiebe nicht!“

„Du brauchst auch nicht zu schieben. Das garantiere ich dir. Wir schaffen noch locker 70 Kilometer mit dem, was im Tank ist. Also lehn dich zurück, entspann dich und genieße die Autofahrt!“

„Ich kann mich aber nicht entspannen, wenn der Tank fast leer ist und du meinst, dass wir auf der letzten Pfütze noch stundenlang durch die Gegend fahren können.“
„Ich meine das nicht nur, ich weiß das!“
„Und wenn du das angeblich weißt: Warum gibt es dann überhaupt Tankwarnlampen?“
„Die gibt es erst, seitdem auch Frauen Auto fahren dürfen. Männer brauchen so was nicht.“

„Darf ich dich daran erinnern, dass die erste Autofahrt von einer Frau gemacht wurde?“
„Musst du immer den Besserwisser raushängen lassen? Wenn ich dir sage: Wir können stundenlang fahren, dann können wir stundenlang fahren …“
„Das machst du nur, um mich zu ärgern. Außerdem war da gerade wieder eine Tankstelle, und du bist einfach vorbeigefahren!“
„Warum sollte ich dich ärgern? Ich weiß halt, wie viel noch im Tank ist. Und genau deshalb habe ich an dieser Tankstelle auch nicht getankt!“

„Du machst mich noch wahnsinnig. Weißt du wenigstens, in wie viel Kilometern die nächste Tankstelle kommt?“
„Klar. Stand doch da. In 40 Kilometern!“

„In WAS? In 40 Kilometern? Bist du denn verrückt, jetzt nicht zu tanken? Ich sehe uns schon den halben Tag auf der Standspur der Autobahn zubringen – und alles wegen dir!“
„Hör mal. Der Tank reicht locker. Ich weiß das!“
„Du weißt immer alles – bis es schiefgeht. Warum hast du eben nicht getankt? Eine Frau hätte da getankt!“

„Eine Frau ist eben kein Mann. ICH brauche da nicht zu tanken. Denn ich weiß, wie weit ich komme!“
„Du weißt aber nicht, wie weit du noch mit mir kommst, wenn du so weitermachst!“
„Nun hör endlich auf, dich aufzuregen. No Risk, no Fun. So ist das eben. Lass dich einmal von mir überzeugen: Wir schaffen das locker bis zur nächsten Tankstelle!“

Doch meine Holde lässt sich nicht überzeugen. Nicht einmal von der größten Koryphäe, die es auf dem Gebiet „Ich weiß, wie weit ich mit dem Tankinhalt noch fahren kann“ gibt: dem Mann. Im Gegenteil:

Mit jedem Kilometer, den sich unser Auto über die Autobahn weiter vorwärts schiebt, wird sie nervöser. Und ein solches Gebaren färbt irgendwann doch auf den Mann ab. Auch wenn er das natürlich nie zugeben würde. Aber so tief unten wie in diesem Augenblick war die Tanknadel tatsächlich noch nie. Und wieso zeigt das Autobahnschild jetzt an „Noch 10 Kilometer bis zur nächsten Tankstelle“? Nach meinen höchst männlichen Berechnungen hätte die Tankstelle jetzt eigentlich schon kommen müssen. Aber das ist mal wieder typisch. Da zahlt man Unmengen an Kfz- und Mineralölsteuer, und die Straßenbauämter sind nicht einmal in der Lage, die Tankstellenhinweise so aufzustellen, dass sie halbwegs stimmen.

Ein scharfes „Was war das?“ reißt mich aus meinen Gedanken.
„Was?“
„Dieses Stottern?“
„Ich stottere nicht, ich habe gar nichts gesagt!“
„Nicht du. Der Motor!“
„Der hat auch nichts gesagt.“
„Aber er stottert.“
„Ich höre nichts“, antworte ich, während ich vorsichtig den Fuß vom Gas nehme. Vielleicht schaffe ich es ja noch bis zur Tankstelle, wenn ich jetzt nur ganz wenig Gas gebe, wenn der Rückenwind zunimmt und die Autobahn leicht bergab führt.

Ich werde es nie herausfinden. Denn die Autobahn führt jetzt nicht bergab. Sie nimmt eine leichte Steigung. „Lieber Gott, lass was passieren!“, schicke ich ein stummes
Stoßgebet zum Himmel. Und siehe da, der liebe Gott erhört mich. Es passiert nämlich etwas:

„Autohof“, steht plötzlich auf einem schier als göttliche Lösung erscheinenden Hinweisschild vor der nächsten Abfahrt – und die führt leicht bergab! Mit einem letzten Druck auf das Gaspedal biege ich von der Autobahn ab, und während der Motor in der Kurve erstirbt, rollt das Wägelchen sanft weiter die Straße hinunter – bis genau vor die Tanksäule. Dort bleibt es endgültig stehen.

„Na, wie habe ich das gemacht?“, frage ich triumphierend. „So was kann nur ein Mann!“
„Ich sage dazu gar nichts. Geh lieber tanken und mach so was nie wieder mit mir!“

Da lasse ich mich doch nicht zweimal bitten:

Flink entsteige ich dem Auto, greife nach dem Zapfhahn, führe ihn sanft in den Tankstutzen,  drücke und … nichts passiert. Kein Surren, kein Rattern. Rein gar nichts.

Irritiert schaue ich auf den Zapfhahn in meiner Hand. Irritiert schaut die Holde auf mich. Und während wir beide so starren, nähert sich von hinten ein freundlicher Fernfahrer. „Brauchen Sie gar nicht zu probieren!“, ruft er, während er sich auf seinen Bock schwingt. „Stromausfall! Der Chef“ – dabei deutet er in Richtung Kassenhaus – „hat schon bei den Stromwerken angerufen. Dauert mindestens 1 Stunde!“ Und mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen startet er seinen Lkw und entschwindet.

Danach herrscht Stille. Totenstille. Aber nicht lange … Und trotzdem: Egal, was meine Holde sagt – in einem habe ich Recht behalten. Schieben braucht sie nicht!

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