Steins Blog

15. Dezember 2011

Unglaublich aber wahr: Die hat wirklich jemand gekauft!

ebay ist ein Hort an literarischen Fundstücken – und manchmal besser als die Stiftung Warentest. So bot jetzt eine Frau ihre Sommerreifen an, von denen Sie restlos begeistert war. Die Beschreibung ist eine Meisterleistung des Formulierens, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Eine junge Dame aus dem Verlag hat mir den Link geschickt.

Übrigens: Die Reifen sind für 85,70 Euro weggegangen. Vielleicht hat sie jemand für das Auto seiner Schwiegermutter gekauft …

Im Angebot: ein Satz Schundgummis erster Güte, Marke Marangoni Zeta Linea, Größe 195/45 VR16.

Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Ich meine also RICHTIG miese Reifen, auch wenn das Profil noch fast wie neu ist.

Geeignet für Selbstmörder mit Hang zum dramatischen Abgang, zum Bau von Affenschaukeln oder Sandkästen, als Gummipuffer für Kartbahn oder Fischkutter, für Straßenbarrikaden (obwohl, vermutlich brennt der Rotz nicht mal richtig), zum Blumen rein pflanzen oder als Tischbein, etc. pp. Von der Verwendung als Verbindung Auto-Straße hingegen rate ich eher ab; ich weiß, auch ein unsinniger Gedanke bei solchen Marken, aber ich wollte es gesagt haben.

Das Haftvermögen dieser Reifen wäre eigentlich eine wissenschaftlich tiefergehende Untersuchung wert:
Auf Trockenheit noch so einigermaßen auf dem Niveau von angerauten Bananenschalen, dürfte es bei Feuchtigkeit jenes von nasser Seife auf poliertem Eis noch locker unterbieten, die Teile kleben dann auf der Straße wie ein Stein kopfüber an einer Hartholzdecke. Mit Nanolack und Teflonbeschichtung überzogene Lotosblüten sind dagegen klebrige Tesastreifen. Zu den Aquaplaning-Eigenschaften kann ich nichts sagen, so schnell wurde ich bei Regen mit diesen Reifen nie.

Aber nicht, dass hier der Eindruck aufkommt, die Reifen wären nur von Nachteil, keineswegs ist dem so:

Denn wo jeder Anfänger mit guter Markenware einfach so mal eben ordentlich schnell sein kann, bieten diese Reifen dem geneigten Sportfahrer nahezu unerschöpfliche Möglichkeiten, sein hoffentlich profundes Können unter Beweis zu stellen; man driftet schon beim Einparken, jeder Kreisverkehr wird zum Husarenstück (selbst wenn hinter einem schon die Straßenkehrmaschine drängelt), und wenn dann noch nasse Fahrbahn hinzukommt … oh da wird ein jeder zum Röhrl und schaut ratzfatz quer in die Welt.

Als passende Musik fürs Soundsystem empfehle ich Wiener Walzer oder irgendwas, das mit einem großen RUMMS endet; der wahre Könner bekommt es mit dem Zünden der Airbags beim Einschlag synchronisiert.

Des Aufzählens der Vorzüge dieser Glanzstücke moderner Vulkanisationstechnik kann ich mich gar nicht bremsen:

  • Ungeliebte Mitfahrschnorrer steigen kein zweites Mal ein,
  • die Erben zahlen einem gerne den Sprit für eine ausgedehnte Spritztour in die nahegelegenen Eichenalleen,
  • im Vergleich zu den Chinareifenfahrern liegt man noch immer mit einem weit schöneren Namen im Graben als Nangkang, Wanli oder andren Kostbarkeiten asiatisch phantasievoller Namensgebung.
  • Von der Schaffung zahlreicher Arbeitsplätze bei Notarztteams, Rettungsscherenherstellern, Schreinern und Steinmetzen ganz zu schweigen; die man mit diesen Reifen eventuell auch alle kennenlernen wird, freilich in kommunikativ etwas eingeschränkter, sprich einseitiger Form.

Man merkt diesen Reifen auf jedem Meter an, dass Marangoni zur Continental Gruppe gehört:

Conti baut exzellente Reifen, und wer das kann, findet dabei zwangsläufig auch heraus, wie man RICHTIG SCHLECHTE Reifen baut. Wohl damit dieses mühsam errungene Knowhow nicht ungenutzt verschütt geht, wurde die Marke Marangoni gegründet, die es denn auch in gänzlichem Umfang bei der Entwicklung ihrer Reifen umsetzt, gepaart mit Fertigungstoleranzen russischer Vorkriegsdampfloks (hätte fast nen zweiten Felgensatz anbaun müssen für weitere Wuchtgewichte) und Verwendung feinster Rohstoffe (dürften stark verwandt mit billigen Teelichtern sein – vielleicht duften sie beim Brennen (s.oben „Verwendung als Straßenbarrikade) sogar nach Zitrone und vertreiben Schnaken, wer weiß). Den Chinareifen bietet man so jedenfalls erfolgreich Paroli im Kampf um den unterirdischsten Reifen überhaupt …

Da mir aber allmählich das Geld für Deos und neue Unterhosen ausgeht, muss ich mich leider von diesen Sahnestücken trennen und mir ganz ordinäre Markenreifen draufmachen. Ich weiß, ist feige, aber meine Kleinen brauchen mich noch lebend.

Die Reifen sind hinsichtlich Profil noch sehr gut (kein Wunder, ohne Reibung kein Verschleiß) und frei von Unfällen (das IST ein Wunder), Schnitten (wiederum erklärbar – Glasscherben rutschen ab und selbst hartgesottenste Hafenstraßenvandalen haben Mitleid), oder sonstigen Mängeln (konstruktive mal ausgenommen, also dem Reifen an sich). Der Versand erfolgt gut verpackt in Frischhaltefolie, die man auch wieder aufwickeln sollte, sie ist das Wertvollste an der ganzen Sendung.

Ich hoffe, ich konnte meiner Begeisterung gebührend Ausdruck verleihen und den ein oder anderen hier für das Angebot interessieren. Glaubt mir, diese Reifen sind eine echte Offenbarung (wie gut ECHTE Markenreifen doch sind).

Viel Spaß beim Bieten.

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