Der kleine Taschenteufel
„Keine Hektik! Sie finden das schon.“ Wenn die Rezeptionistin eines Hotels mit Engelsgeduld auf einen Mann einredet, der hektisch vor ihr alle Mantel-, Jackett- und Hosentaschen durchwühlt, weil die Zimmerkarte, die sie ihm gerade eben erst in die Hand gedrückt hat, spurlos verschwunden ist, gibt es nur eins: Stein ist auf Reisen. Und das bin ich tatsächlich. Aber nicht alleine. Dieser kleine Mistkerl ist mitgereist. Dieser nervige kleine Gnom, der mir seit Jahren das Leben schwer macht und immer dann erbarmungslos zuschlägt, wenn ich es am wenigsten gebrauchen kann. Sein Name: Der kleine Taschenteufel.
Ich weiß nicht, wann er bei mir eingezogen ist, ich weiß nur, dass sich mein Leben seitdem deutlich erschwert hat. Denn natürlich weiß ich, dass ich diese vermaledeite Zimmerkarte in meine Jackett-Tasche gesteckt habe. Oben rechts. Oder links? Egal, auf jeden Fall oben. Und jetzt ist sie weg. Kaum dreißig Sekunden später. Verschwunden. Spurlos. Doch ohne die Karte bringt mich der Aufzug nicht in mein Stockwerk. Und ins Zimmer komme ich ohne diese blöde Karte sowieso nicht. Blöde Technik!
Während ich vor der Rezeptionistin meine Turnübungen mache: Rechte Hand in die rechten Taschen, linke Hand in die linken Taschen, beide Hände in die Hosentaschen vorne, beide Hände raus, beide Hände in die Hosentaschen hinten, nervöses Kopfschütteln, und das Ganze dann gleich noch einmal, werde ich von einem japanischen Pärchen fotografiert. Wenn ich es aus dem Augenwinkel richtig mitbekomme, wird das Bild sofort auf Facebook gepostet: „Deutsche im Hotel“.
„Soll ich Ihnen eine neue Karte ausstellen?“, fragt die freundliche Rezeptionistin.
Entschieden lehne ich ab. Ich lasse mich von diesem kleinen Taschenteufel doch nicht blamieren. Nicht hier – und auch nicht mehr im Parkhaus. So wie neulich. Eigentlich so wie immer:
Einfahrt ins Parkhaus. Ran an die Schranke, Karte gezogen, rein ins Parkhaus. Karte weg. Unauffindbar. In der Hosentasche nicht, in die ich sie, im Zustand vollsten Bewusstseins, ich schwöre, hineingesteckt habe, in der Jackentasche nicht. Einfach weg. Also beginnt nach dem Einparken im Parkhaus das, was bei mir nach dem Einparken im Parkhaus immer beginnt. Ich nenne es „meine leichte Parkplatzgymnastik“. Die geht so: Rechte Hand in die rechten Taschen, linke Hand in die linken Taschen, beide Hände in die Hosentaschen vorne, beide Hände raus, beide Hände in die Hosentaschen hinten, nervöses Kopfschütteln, und das Ganze dann gleich noch einmal. Meist aber geht die Übung im Parkhaus noch ein wenig weiter. Warum denn auch nicht, wenn man schon sein Auto dabei hat, kann man es in die Übungen auch mit einbeziehen. Etwa so:
Türe öffnen, bücken, unter den Fahrersitz schauen, Kopf links drehen, rechts drehen. Fluchen. Finger in die Ritzen am Schaltknüppel stecken. Fluchen. Rausziehen. Fluchen. Geklemmte Finger pusten. Kopf weiter nach vorne beugen, unter den Beifahrersitz schauen. Kopf wieder hoch. Fluchen. Kopf reiben, der sich an der herunterklappbaren Sonnenblende gestoßen hat, die natürlich weit heruntergeklappt ist, weil meine Holde dieses blöde Ding nach Gebrauch NIE zurückklappt. Körper aus dem Auto ziehen, strecken. Nachdenken.
Und während des Nachdenkens wandert die linke Hand in die Hosentasche. Schwups, da ist das Parkticket wieder. Genau jenes Parkticket, das noch vor zwei Minuten eben nicht da war. Und irgendwo aus den Tiefen meiner Taschen höre ich ein leises, böses Kichern.
Wenn der Kerl, dieser kleine Taschenteufel, es wenigsten bei Parktickets und Hotelzimmerkarten belassen würde. Aber nein. Sein Einzugsbereich erstreckt sich auf Theater- und Kinokarten, auf Flug- und Bahntickets und Eintrittskarten aller Art. Und je länger die Schlange hinter mir, um so erbarmungsloser schlägt er zu.
Wenn Sie also demnächst ins Kino oder Theater gehen und die Schlange stockt plötzlich, während vorne ein Mann damit beginnt, hektisch seine Taschen zu durchwühlen, um dann in eine leichte Gymnastik überzugehen (Sie wissen schon: rechte Hand in die rechten Taschen, linke Hand in die linken Taschen, beide Hände in die Hosentaschen vorne, beide Hände raus, beide Hände in die Hosentaschen hinten, nervöses Kopfschütteln, und das Ganze dann gleich noch einmal), haben Sie bitte Nachsicht mit mir. Ich bin unschuldig. Es ist ganz allein der kleine Taschenteufel, der wieder einmal zugeschlagen hat. Auch wenn meine Holde das merkwürdigerweise ganz anders sieht. Aber was weiß die schon von dem kleinen Taschenteufel?
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