Steins Blog

23. Dezember 2011

Ein ganz besonderes Weihnachtsfest

„Kannst Du Dich an ein ganz besonderes Weihnachtsfest erinnern?“, wollte meine Holde gestern Abend von mir wissen. Ich musste nicht lange überlegen …

Als meine Schwester und ich noch klein waren, spielte sich der Heiligabend nach einem festen Zeitplan ab. Um 16.00 Uhr marschierte mein Vater mit uns beiden Kindern zur Kinderchristmette. Meine Mutter blieb zu Hause, um die Zeit für die allerletzten Weihnachtsvorbereitungen zu nutzen.

Nach der Christmette trafen wir uns stets bei meinen Großeltern. Die Eltern meines Vaters. Doch nicht nur Oma und Opa Betty, wie meine Schwester und ich die beiden nannten, sondern auch Onkel Hugo warteten dort auf uns. Ein Mann, dem das Lebensschicksal schwer mitgespielt hatte. Eine Krankheit ließ ihn am Stock laufen. Seine Frau hatte ihn wegen seiner Krankheit schon lange verlassen und seine beiden erwachsenen Kinder, die wir nur aus Erzählungen kannten, wollten von ihrem Vater nichts wissen. Uns war das alles egal: Onkel Hugo war fester Bestandteil unserer Familie. Ein Weihnachtsfest ohne diesen herzensguten, aber trinkfesten Mann war nicht denkbar für uns.

So saßen wir also stets nach der Kinder-Christmette in der Küche der kleinen Wohnung meiner Großeltern und warteten gespannt auf die erste Bescherung. Jawohl, die erste Bescherung. Denn auch das gehörte zum Ritual: Zuerst wurde bei den Großeltern beschert – dann marschierten wir als kleiner Trupp die paar hundert Meter weiter zu unserer Wohnung, wo nicht nur ein herrliches Abendessen, sondern die zweite Bescherung auf uns wartete. Was für eine herrliche Zeit. Voller Ungeduld. Voller Vorfreude. Denn wir Kinder wussten:

Erst wenn Opa Betty aufstand und heimlich im Wohnzimmer verschwand, die Tür in den Raum mit dem noch dunklen Tannenbaum sorgsam und leise hinter sich zuziehend, dann würde es nicht mehr lange dauern bis zur Beschwerung. Bald würde das Glöckchen bimmeln, vom Schallplattenspieler würde „Oh Tannenbaum“ erklingen und wir alle ständen mit strahlenden Gesichtern im Türrahmen, um das im Kerzenglanz erstrahlte Bäumchen leicht schief aber aus vollem Herzen anzusingen.

Dann würde sich gegenseitig „frohe Weihnacht gewünscht“ und endlich durften wir Kinder unsere Geschenke auspacken. Und immer lagen auch Päckchen von Onkel Hugo für uns Kinder unter dem Baum. Wir liebten diesen Mann.

Doch das Schicksal blieb ihm ungnädig: Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich von Jahr zu Jahr. Immer mühsamer wurde es für ihn, die nasskalte Jahreszeit in Deutschland zu verbringen. Und so verkündete er eines Tages im Herbst: „In diesem Winter bin ich nicht in Deutschland. Ich werde die Wintermonate in Spanien verbringen.“

Wir waren traurig, enttäuscht, aber insgeheim wussten auch wir Kinder: Es musste noch einen anderen Grund geben, warum Onkel Hugo nach Spanien verschwand. Erst viel später erfuhren wir: Zu diesem Zeitpunkt wusste er, dass er nicht mehr lange zu leben hat, und er wollte die Menschen, die seine Familie darstellten, nicht damit belasten. Und er wollte ein letztes Mal dorthin, wo er einst seine Frau kennengelernt hatte. Einmal noch ein bisschen Wärme spüren. Vielleicht ein warmer Hauch vom Meer, vielleicht die Wärme der Erinnerung.

Der Dezember kam, die Adventszeit schlich für uns Kinder quälend langsam voran. Und dann war es endlich soweit. Der Heilige Abend kam. Wie immer marschierte mein Vater mit meiner Schwester und mir zur Kinderchristmette. Wie immer machten wir uns anschließend auf den Weg zu unseren Großeltern und warteten in der kleinen Küche gespannt auf den Moment, in dem unser Opa aufstand, irgendetwas von „Ich muss ja noch etwas erledigen“ murmelte, um heimlich und doch von allen bemerkt ins Wohnzimmer zu verschwinden, um die Kerzen am Baum anzuzünden und um „Oh Tannenbaum“ aufzulegen.

Aber etwas war anders in diesem Jahr. Der Platz auf der Küchenbank, auf dem jahrelang Onkel Hugo gesessen hatte, und der zu so etwas wie seinem Stammplatz geworden war, war leer. Und wir alle spürten, wie sehr uns Onkel Hugo fehlt, auch wenn er für uns Kinder natürlich Geschenke dagelassen hatte. „Ich denke an euch“, stand auf den kleinen Geschenkkarten, die sorgfältig an die Päckchen geklebt waren.

„Ich muss dann schon mal los“, sagte meine Mutter, als alle Lieder gesungen, die Geschenke ausgepackt und ordentlich bestaunt worden waren. „Ich muss noch das Essen vorbereiten. Wenn ihr in einer halben Stunde nachkommt, ist alles fertig.“ Und so taten wir es:

Pünktlich eine halbe Stunde später machten wir uns gemeinsam mit den Großeltern auf den Weg. Doch als wir vor unserer Haustür ankamen, brauchten wir erst gar nicht zu klingeln. Unsere Mutter stand im Türrahmen. Sie flüsterte meinem Vater etwas zu, der kurz erstaunt den Kopf hob, sich aber ansonsten nichts anmerken ließ.

„Nun aber in die Küche mit euch“, rief meine Mutter. Und so versammelten wir uns alle in dem viel zu engen Raum und rochen das herrliche Essen, das auf dem Herd leise vor sich hinkochte. Da konnte einem das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Diesmal war es meine Mutter, die im Wohnzimmer verschwand, um die Christbaumkerzen anzuzünden – und auch, um eine Weihnachtsplatte aufzulegen. Und dann ertönte es endlich. Das Glöckchen, das uns ins Wohnzimmer rief. Doch diesmal durften wir nicht einfach ins Wohnzimmer strömen. Meine Mutter hielt die Tür verschlossen und stellte sich davor:

„Ich habe noch eine Überraschung für Euch!“, sagte sie. „Na, ihr werdet staunen!“
Dann öffnete sie mit Schwung die Tür.

Wir blickten in den Raum, sahen den hellerleuchteten Baum – und Onkel Hugo. Er saß neben dem Baum auf dem Sofa und strahlte über das ganze Gesicht. „Ich habe es ohne Euch nicht ausgehalten“, rief er. „Weihnachten ohne euch, das geht doch gar nicht!“ Und kaum eine Sekunde später lagen sich Groß und Klein in den Armen und alle, alle heulten wir um die Wette. Vor Wiedersehensfreude, vor Glück.

Im darauffolgenden März ist Onkel Hugo gestorben. Es war unser letztes gemeinsames Weihnachtsfest. Doch ich werde nie vergessen, wie er damals, strahlend wie ein Kind, neben dem Baum saß und uns in seine Arme schloss. Wie er es noch einmal genoss, im Kreis seiner Lieben zu sein. Diese Freude, dieses Glück, das wir alle in diesem Augenblick des Wiedersehens spürten, hat aus diesem Weihnachtsfest ein ganz besonderes, ein einzigartiges gemacht. Ein Weihnachtsfest, das man nie vergisst!

Ganz in diesem Sinne wünsche ich Ihnen schöne Weihnachten und dass die Herzen um Sie herum, so wie Ihres auch, vor lauter Liebe gar nicht wissen, wie schnell sie noch schlagen sollen. Ich habe erlebt, wie das ist. Glauben Sie mir, es ist wunderschön!

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