Steins Blog

13. Januar 2012

Ach du dicker Hund

„Der Hund hat schon wieder zugenommen!“ Meine Holde steht auf der Waage, unseren spanischen Findelhund Pucki auf dem Arm und schaut vorwurfsvoll auf die Zahl, die ihr angezeigt wird.
„Der Hund ist ab sofort auf Diät“, verkündet sie.
„Vielleicht hat ja gar nicht der Hund zugenommen, sondern Du“, werfe ich ein. Ein böser Blick trifft mich:

„Ich habe mich vorher ohne Hund gewogen, und dann habe ich mich mit dem Hund gewogen. Es spielt also keine Rolle, ob ich zugenommen habe, oder nicht. Es geht einzig und allein um den Hund. Aber wenn es Dich interessiert: Nein, ich habe nicht zugenommen.“

Sie entlässt Pucki aus ihrem Arm, die schwanzwedelnd auf mich zugelaufen kommt. Schließlich sitze ich noch am Frühstückstisch und für eine Hundenase riecht es von dort einfach fantastisch.

„Na, Süße“, sage ich, und mache eine ungeschickte Handbewegung. Ein kleines Stück Wurst fällt dem Hund direkt vor die Nase. Schwupps, weg ist es.

„Sag mal, hörst Du nicht zu? Der Hund ist auf Diät!“, ruf meine Holde. „Da kannst Du ihn doch jetzt nicht mit Wurst vollstopfen!“
„Ich stopfe ihn nicht mit Wurst voll, mir ist die Wurst heruntergefallen!“
„Das ist mir wurscht. Pucki wiegt 7,9 Kilogramm, das ist mindestens 1 Pfund zu viel! Ab jetzt gibt es nichts mehr außer der Reihe – außer Trockenfutter.“
„Also bekommt sie Trockenfutter außer der Reihe?“, frage ich grinsend, was mir den zweiten bösen Blick des Tages einbringt …

Es ist aber auch zu merkwürdig. Das Jahr ist noch jung. Schätzungsweise 13 Tage ist es alt. Doch wenn ich richtig mitgezählt habe, hat es innerhalb dieser Zeit schon drei Ankündigungen brutalstmöglicher Diät für den Hund gegeben. Es können auch 130 gewesen sein, wen ich den Satz: „EIGENTLICH ist der Hund auf Diät“ mitzähle. Der fällt immer dann, wenn etwas anderes fällt. Zum Beispiel ein Stückchen Wurst aus Versehen vom Tisch auf den Boden. Oder ein Stückchen Schinken beim Kochen in der Küche aus Versehen von der Arbeitsplatte auf die Fliesen. Oder eine Hundekaurolle aus Versehen aus dem Schrank mit den Hundebelohnungskeksen auf den Teppich im Flur …

Dieser Satz fällt auch dann, wenn unser Freund Roland zu Besuch kommt, der zwar selber keinen Hund hat, dafür aber merkwürdigerweise eine immer prall mit Hundekaustangen gefüllte Jackentasche. Pucki liebt Roland.

Der Satz „Eigentlich ist Pucki auf Diät“ fällt auch beim Besuch des Auwirts, unserem Stammrestaurant. Dort gibt es hinter der Theke ein Schublade, die aus Sicht eines Hundes so etwas wie die Vorstufe zum Paradies sein muss. In dieser Schublade verbergen sich Hundekekse verschiedenster Art, die von den beiden Bedienungen Melanie und Sandra ausgesprochen gerne zum Einsatz kommen. Unser Hund liebt den Auwirt. Und Melanie und Sandra.

Der Satz „Eigentlich ist Pucki auf Diät“ fällt auch immer dann, wenn wir unsere Schwiegereltern besuchen. Denn stets hat mein Schwiegervater einen gut gefüllten Napf mit italienischer Salami für Pucki in der Küche bereit stehen.

Schon wenn wir uns seinem Haus nur nähern, legt der Hund einen Gang zu. Kaum öffnet sich die Haustür, saust er auch schon mit affenartiger Geschwindigkeit quer durch den Flur, rein in die Küche und wird für mindestens viereinhalb Sekunden nicht mehr gesehen. So lange dauert es für einen spanischen Straßenhund, bis eine halbe Salami verspeist ist.

Halten wir uns etwas länger bei den Schwiegereltern auf, füllt sich, wie von Geisterhand, der Napf mindestens noch einmal auf. Fängt sich mein Schwiegervater dann den Satz „Eigentlich ist der Hund auf Diät“ ein, schaut er pflichtgemäß schuldig drein, um wenig später zu fragen: „Darf der Hund noch ein kleines Stück?“ Die Antwort lautet natürlich „nein“, und so warten Schwiegervater, Hund und ich, bis die Holde mal irgendwo verschwindet, um dann doch noch ein kleines Zipfelchen von der Wurst aus Versehen in den Napf fallen zu lassen.

Unser Hund liebt das Haus meines Schwiegervaters. Manchmal glaube ich, es für ihn eine einzige, große dicke italienische Salami.

Ansonsten aber halten Pucki und ich und ich uns natürlich streng an die Diätvorgabe der Holden. Außer vielleicht, wenn wir Klaus und Claudia besuchen. Die beiden sind die von den Katzen des Ortes offiziell anerkannte Katzenfütterstation. Es steht immer eine gut gefüllte Schale Katzenfutter in der Küche, weil ständig und immer eine der vielen Katzen des Ortes zu Besuch kommt. Oder Pucki. Wenn sie kommt, verschwinden die Katzen, aber der Napf bleibt. Um den muss sich ein verantwortungsvoller Hund natürlich kümmern.

Puckis Schmatzen erfüllt dann das Haus unserer Freunde begleitet vom dem lieblichen Seufzen aus dem Munde der Holden: „Eigentlich ist sie ja auf Diät …“

Wie heißt es so schön? Beim Hund ist Konsequenz wichtig. Und vielleicht hat die Holde ja auch Recht. Wehret den Anfängen. Kürzlich habe ich einen Filmbericht über den dicksten Mann der Welt gesehen. Der sitzt seit 10 Jahren in seinem Bett, und kommt da nicht mehr raus, weil das mit 450 Kilogramm ein mühsames Unterfangen ist.

Der Mann hatte sich schon mal auf 380 Kilo runtergehungert. Aber irgendwie sind die Kilos dann wiedergekommen. Seine Frau (er hat tatsächlich eine, die auch noch wirklich gut zu ihm passt: es ist nämlich ihre zweite Ehe, ihr erster Mann ist an Übergewicht bedingtem Herzinfarkt gestorben …) ist etwas ratlos. „Eigentlich ist er ja auf Diät“, hat sie ihm Fernsehen erzählt …

Ich möchte nicht, dass mein Hund 10 Jahre seines Lebens im Körbchen oder Bett verbringt, und ja, wehret den Anfängen. Der dickste Mann der Welt war schließlich auch mal schlank … Zwar ist Pucki mit ihren 7,9 Kilogramm noch nicht dick, aber … Wenn die Holde sagt, Diät ist angesagt, dann ist Diät angesagt. Und genau so machen wir es jetzt. Ab sofort. Mit aller Konsequenz. Ich muss nur noch schnell den Frühstückstisch abräumen. Und die Wurst. Und uuppps …

Wie schnell doch so ein kleines Stückchen Wurst herunterfällt. Und wie schnell es in so einem Hund verschwunden ist. Schrecklich, dieser Hund ist so was von unvernünftig. Weiß er denn nicht, dass er eigentlich auf Diät ist?

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