Vergessen Sie das hier bloß nicht!
Es gibt zwei Dinge in meinem Leben, die – treue Leser dieses Newsletters wissen es – ein vollkommen von mir unabhängiges Leben führen. Mein Schlüssel und mein Portemonnaie. Nie sind sie da, wo ich sie zuletzt abgelegt habe. Sie treiben sich, kaum dass wir zu Hause sind, wild in der Gegend herum und tauchen an den merkwürdigsten Plätzen wieder auf.
Es muss sich hierbei um eine Art eigenständige Fortbewegung handeln, denn nie käme ich auf die Idee, mein Portemonnaie unter dem Sofa zu verstecken, wo ich es gestern nach einer längeren Suchaktion fand. Es muss von selbst dahin gegangen sein. Manchmal gibt es so was. In einer Zeit, in der Menschen durch den Fernseher hindurch und aus tausend Kilometer Entfernung Löffel in meiner Wohnung verbiegen können, ist es schließlich nicht ausgeschlossen, dass sich auch mein Portemonnaie verselbstständigt.
Von meinem Schlüsselbund wollen wir gar nicht erst sprechen. Ich bin mittlerweile zu der festen Überzeugung gelangt, dass mein Schlüsselbund nicht nur ein Eigenleben besitzt – sondern auch, dass er über schier magische Kräfte verfügt. Diese Kräfte entfalten sich gerne im Parkhaus. Ich weiß es. Ich kann es beweisen:
Steige ich aus dem Auto aus und schließe es ab, stecke ich den Schlüsselbund immer in meine rechte Jackentasche. Komme ich zurück, freue ich mich schon darauf, diesmal nicht so wie all die anderen bedauernswerten Gestalten um mich herum hektisch und immer hektischer werdend alle Taschen in Mantel, Jacke und Hose durchwühlen zu müssen. Denn ich weiß ja, wo mein Schlüselbund ist. In der rechten Jackentasche.
Meist dauert es dann nur fünf Sekunden bis ich dann doch wie all die anderen bedauernswerten Gestalten um mich herum hektisch und immer hektischer werdend alle Taschen in Mantel, Jacke und Hose durchwühle. Weil irgendeine magische Kraft meinen Schlüssel bösartigerweise aus der rechten Jackentasche entfernt und in irgendeine, mir bislang nur wenig bekannte Tasche im hintersten Winkel meines Mantels befördert hat, wo ich ihn garantiert erst dann finde, wenn sich bereits ein Pulk Menschen um mich versammelt hat – oder der Beziehungskrach da ist.
„Schau doch mal oben in der Manteltasche nach“ oder „Hast Du schon in der Hosentasche geschaut?“ sind Empfehlungen, die eine liebende Frau nicht geben sollte, wenn der sie liebende Mann auf dem Parkplatz unter hektischen Verrenkungen nach seinem Schlüsselbund sucht.
Auch Bemerkungen wie „Wenn Du Dir nur einmal merken würdest, wo Du den Schlüssel hinsteckst, müssten wir jetzt her nicht so blöde herumstehen“ führen in der Regel nicht zu einem freundlichen „Du hast ja Recht, Liebling“. Und die auf eine solche Bemerkung erfolgende Erwiderung führt meist – sofern sich der Schlüsselbund noch findet – meist zu einer stillen Rückfahrt. Einer sehr stillen Rückfahrt. Einer in Eisesstille verbrachten.
„Deine Vergesslichkeit kann einen verrückt machen“ ist ebenfalls – zumindest in Akutsituationen – der Kategorie „nicht hilfreich“ zuzuordnen. Zumal es schlichtweg gelogen ist. Ich bin keinesfalls vergesslich. Im Gegenteil: Ich weiß ja, dass mein Schlüssel in der rechten Jackentasche zu sein hat. Wer es nicht weiß, ist mein Schlüssel.
Doch jetzt fallen mir ausgerechnet die Briten in den Rücken. Jenes Volk von Feinschmeckern, dem ich doch nie etwas Böses getan habe.
Diese unfreundlichen Menschen von der Insel haben doch tatsächlich eine Studie veröffentlicht, aus der hervorgeht, dass Männer ein schlechteres Gedächtnis als Frauen haben. Das hat (angeblich, ich sage ausdrücklich angeblich!) eine Langzeitstudie mit 10.000 Briten ergeben. Nach dieser Studie erinnern sich Frauen nicht nur besser an bestimmte Dinge als Männer, ihre Gedächtnisleistung wird sich im Alter voraussichtlich sogar noch verbessern, während Männer immer vergesslicher werden.
Ich glaube wirklich, solche Studien kann man getrost vergessen!
Wir Männer werden nicht vergesslicher. Wir haben nur mit zunehmenden Alter viel mehr wichtige Dinge im Kopf. Wir müssen Entscheidungen treffen. Weise Ratschläge geben. Klug daherreden. Das alles beschäftigt den Kopf. Und natürlich: Darüber kann man schon mal einen Hochzeitstag vergessen. Oder einen Termin. Oder die Kinder vom Kindergarten abzuholen. Das alles ist ausdrücklich kein Ausdruck von Vergesslichkeit, sondern allein Ausdruck der ungeheuren Datenmengen, die ein männliches Gehirn gleichzeitig verarbeiten kann. Und wie bei einem richtigen, großen Computer fallen da die unwesentlichen Informationen halt schon mal unter den Tisch.
Frauen sind da anders. Bei denen ist mehr Platz im Rechner für die kleineren Dinge. Weil wir Männer Ihnen ja die Großen abnehmen. Oder so ähnlich.
Aber jetzt müssen Sie mich entschuldigen. Ich muss zum Rosenmontagszug. Für heute mache ich Schluss. Und natürlich weiß ich, wo mein Schlüssel steckt. In der rechten Jackentasche. Wie immer. Und wenn mir jetzt noch einer sagt, wo meine Jacke ist, dann komme ich ausnahmsweise beim Zug an, bevor der letzte Wagen vorbeigerollt ist …
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